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Der Ölmarkt erlebt derzeit eine bemerkenswerte Wende. Noch vor kurzem warnte die Internationale Energieagentur (IEA) vor einer möglichen, beispiellosen Energiekrise. Aufgrund des Konflikts mit Iran, der Blockade der Straße von Hormus und den Störungen im Golf schien die Welt einem strukturellen Mangel an Öl und Gas entgegenzusteuern.
Nun zeichnet sich plötzlich ein ganz anderes Bild ab.
Sollte das Friedensabkommen zwischen den USA und Iran halten, droht im nächsten Jahr ein erhebliches Überangebot an Öl. Laut IEA könnte die Ölproduktion 2027 um 8 Millionen Barrel pro Tag auf 110 Millionen Barrel pro Tag ansteigen.
Die Nachfrage wächst voraussichtlich deutlich langsamer, um etwa 2 Millionen Barrel täglich. Damit entsteht ein klassisches Problem für Ölproduzenten: zu viel Angebot, zu wenig zusätzliche Nachfrage.

Der Hauptgrund für diese Kurswende liegt auf der Hand. Dank der vorläufigen Einigung zwischen Washington und Teheran kann die Produktion in der Golfregion wieder hochgefahren werden.
Länder, die während der militärischen Eskalation Ölfelder geschlossen oder die Produktion gedrosselt hatten, können ihre Kapazitäten nun wieder voll ausschöpfen. Auch die mögliche Wiederöffnung der Straße von Hormus spielt eine entscheidende Rolle.
Sobald Tanker die Meerenge wieder sicher passieren können, verschwindet ein erheblicher Teil der geopolitischen Risikoprämie aus dem Ölpreis.
Anleger nehmen diese Entwicklung bereits vorweg. Seit der Ankündigung der vorläufigen Einigung verkaufen Händler in großem Umfang Öl. Brent-Öl fiel am Mittwoch unter 79 Dollar pro Barrel, den tiefsten Stand seit Beginn des Krieges.
Das ist eine enorme Wende. Während der militärischen Eskalation drehte sich alles um Knappheit: weniger Öl aus der Golfregion, höhere Transportkosten, steigende Energiepreise und die Angst vor anhaltenden Versorgungsstörungen.
Nun zeichnet sich genau das Gegenteil ab. Wenn das Angebot schnell zurückkehrt, während die Nachfrage hinterherhinkt, könnte der Ölmarkt im nächsten Jahr durchaus gut versorgt sein. Die IEA sieht darin eine Chance für Länder, ihre strategischen Reserven wieder aufzufüllen.
Das ist dringend notwendig, denn die Ölreserven der OECD-Länder befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit 1990.
Für Verbraucher und Zentralbanken ist der Rückgang des Ölpreises vor allem eine gute Nachricht.
Niedrigere Ölpreise wirken mit Verzögerung auf Benzin, Diesel, Transportkosten und letztlich auf die Inflationszahlen. An der Zapfsäule ist das bereits sichtbar. Der empfohlene Dieselpreis sank am Mittwoch um fast 3 Prozent auf 2,274 Euro pro Liter. Auch Benzin wurde günstiger und kostet jetzt 2,457 Euro pro Liter.
Anfang Mai lag der Benzinpreis noch auf einem Rekordhoch von 2,646 Euro pro Liter. Dieser Unterschied ist für den Verbraucher direkt spürbar. Und das macht Öl momentan vielleicht zur wichtigsten makroökonomischen Variablen weltweit.
Wenn die Energiepreise weiter sinken, lässt der Druck auf die Haushalte nach. Die Zentralbanken erhalten mehr Spielraum, um abzuwarten. Und die Finanzmärkte können wieder mit einem milderen Inflationsklima rechnen, während gleichzeitig der Konsum einen Schub erhält.
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