Die US-Wirtschaft steht am Abgrund, und der Aktienmarkt könnte um bis zu 30 Prozent einbrechen. Das ist die Warnung von Gary Shilling, dem ehemaligen Chefökonomen von Merrill Lynch und seit Jahrzehnten eine der gefürchtetsten Stimmen an der Wall Street. Er glaubt, dass der Schlag noch in diesem Jahr erfolgen könnte.
Rezession „so gut wie unvermeidlich“
In einem Interview mit Business Insider zeichnete Shilling ein düsteres Bild der Wirtschaft. Seiner Einschätzung nach ist es nahezu unvermeidlich, dass die USA dieses Jahr in eine Rezession abgleiten. Die Schwachstellen häufen sich ihm zufolge an mehreren Fronten.
Zunächst ist der Immobilienmarkt festgefahren, da Investoren mit anhaltend hohen Zinsen rechnen. Ein kurzer Aufschwung beim Verkauf bestehender Häuser im letzten Jahr, als die Hypothekenzinsen kurzzeitig sanken, ist wieder vorbei, da die Zinsen wieder gestiegen sind.
Darüber hinaus sind die Unternehmensinvestitionen (Capex), abgesehen von KI, stark zurückgegangen. Das breite Capex-Wachstum lag Ende letzten Jahres bei 3,9 Prozent, weit unter dem Höchststand von über 24 Prozent während der Pandemie.
Abschließend erwartet Shilling, dass die Konsumausgaben im kommenden Jahr aufgrund eines „anhaltenden Drucks auf die Verbraucher“ zurückgehen werden.
Die Amerikaner hatten bereits unter den kumulierten Preisanstiegen seit der Pandemie zu leiden, und nun kommt der Inflationsschock durch den Krieg mit Iran hinzu. Die Energiepreise sind aufgrund der blockierten Straße von Hormus erheblich gestiegen.
Die Verbraucher haben dadurch immer weniger Geld in der Tasche, was sich im real verfügbaren Einkommen widerspiegelt, das nur noch um 0,4 Prozent pro Jahr wächst, während die Sparquote (der Anteil des verfügbaren Einkommens, den Haushalte nicht ausgeben, sondern sparen) auf 3,6 Prozent gesunken ist.
Laut Shilling steht der Verbraucher dadurch auf „sehr dünnem Eis“.
Aktien „erschreckend teuer“
An der Börse sieht der Ökonom eine zweite Bedrohung aufziehen. Drei Bewertungsmaßstäbe signalisieren für ihn Alarm.
Das Shiller-CAPE-Verhältnis, das Aktienkurse mit Gewinnen über einen längeren Zeitraum vergleicht, befindet sich auf dem höchsten Niveau seit kurz vor dem Dotcom-Crash. Auch das Kurs-Umsatz- und das Kurs-Buchwert-Verhältnis des S&P 500 stehen auf Rekordhöhen.
„Aktien sind sehr teuer, und in relativ naher Zukunft steht wahrscheinlich eine kräftige Korrektur bevor“, sagte Shilling. „Ein Rückgang um 20 oder 30 Prozent ist historisch gesehen keine große Sache. Das ist also durchaus wahrscheinlich.“
Was den Einbruch genau auslösen wird, weiß Shilling selbst nicht. Große Korrekturen entstehen meist durch Exzesse am Markt, aber er sieht den KI-Boom nicht mehr als eindeutiges Warnsignal.
„Ich habe meine Karriere mehr oder weniger damit gemacht, nach diesen versteckten Rissen zu suchen, und ich sehe derzeit nichts, was nach einem großen Ausverkauf schreit. Aber das bedeutet nicht, dass es ihn nicht gibt“, sagte er.
Nur ein kräftiger fiskalischer Impuls oder eine unerwartet starke Konsumnachfrage könnten die Krise noch abwenden, meint Shilling. Beides hält er jedoch für sehr unwahrscheinlich.
Ein Lichtblick für Anleger ist, dass der Ökonom bereits seit vier Jahren vor einer Rezession und einem breiten Kursverfall warnte. Früher oder später dürfte er natürlich Recht behalten.
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