Die massive Liquidationswelle am 10. Oktober 2025, mittlerweile als ’10/10′ bekannt, hat tiefe Spuren in der Kryptobranche hinterlassen. Mit 19 Milliarden US-Dollar an liquidierten Positionen und einem Kurssturz von Bitcoin (BTC) von 125.000 auf 80.000 US-Dollar gilt sie als der größte eintägige Crash in der Geschichte der Kryptowährungen.
Monate später kämpft der Markt noch immer mit den Nachwirkungen. Inzwischen steht die Kryptobörse Binance als möglicher Auslöser des gigantischen Crashs in der Kritik.
Crash offenbart strukturelle Schwächen
Was als schnelle Liquidationsserie begann, eskalierte am 10. Oktober in eine beispiellose Marktkatastrophe. Auf großen Börsen wurden gehebelte Positionen im Eiltempo geschlossen, was die Preise weiter einbrechen ließ und einen Teufelskreis von Liquidationen auslöste. Die Markttiefe trocknete fast sofort aus, die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufspreisen weiteten sich, und Händler verloren vollständig das Vertrauen.
Binance geriet schnell ins Fadenkreuz der Kritik. Die weltweit größte Krypto-Börse wurde beschuldigt, technische Fehler und mangelnde Transparenz an den Tag gelegt zu haben.
Kritiker hoben die Dominanz von Binance auf dem Derivatemarkt und die fehlende klare Kommunikation nach dem Crash hervor. Obwohl das Unternehmen bestreitet, dass interne Probleme ursächlich waren, bleibt das öffentliche Misstrauen groß.
In den Wochen und Monaten nach 10/10 blieb die Erholung der Markttiefe aus. Große Marktaufträge beeinflussen nach wie vor signifikant den Preis, was auf eine fragile Liquiditätsstruktur hindeutet. Viele Händler sehen diese geschwächte Struktur als Katalysator für den anhaltenden Preisdruck auf BTC, das seitdem schon fast 40 Prozent an Wert verloren hat.
Schuldfrage spaltet die Krypto-Industrie
Die Kontroverse erhielt neuen Schwung, als Ark-Invest-CEO Cathie Wood im Januar erklärte, dass ein „Softwarefehler bei Binance“ zu 28 Milliarden US-Dollar Entschuldung führte.
Binance-Mitbegründerin He Yi erwiderte, dass die Börse keine US-Kunden bediene, eine Bemerkung, die später entfernt wurde. In einer AMA-Sitzung betonte Binance-Gründer Changpeng Zhao, dass der Crash „durch Marktfaktoren verursacht wurde“ und Binance „voll funktionsfähig“ blieb.
Auch andere Akteure der Branche mischten sich in die Debatte ein. Star Xu, Gründer des Rivalen OKX, sprach von „anhaltenden Schäden für den Sektor“ am 10/10, während dezentrale Börsen wie Hyperliquid ihre steigenden Volumina nutzen, um sich als verlässliche Alternative zu positionieren.
Gegenüber der öffentlichen Empörung gibt es auch eine technischere Erklärung. Wintermute-CEO Evgeny Gaevoy beschrieb das Ereignis als typische „Blitz-Crash in einem mit Hebelwirkung überladenen Markt an einem illiquiden Freitagabend“. Ihm zufolge sei es „intellektuell unehrlich“, die volle Schuld einer einzigen Börse zuzuschreiben.
Dennoch bleibt das Problem bestehen: Der Kryptosektor fehlt es an formalen Mechanismen zur Analyse solcher Vorfälle. Wo traditionelle Märkte nach Systemschocks eine offizielle Nachbetrachtung durchführen, fehlt diese Infrastruktur im Kryptobereich.
Der ehemalige CFTC-Funktionär Salman Banaei plädierte für eine Untersuchung von 10/10, unabhängig davon, ob Manipulation im Spiel war. „Ein Vorteil der Regulierung ist, dass das Risiko solcher Vorfälle verringert wird“, stellte er fest.
Tiefere Ursache: Fragile Marktstruktur
Der 10. Oktober hat vor allem die Abhängigkeit der Kryptomärkte von kurzfristiger Liquidität, Hebelwirkung und Vertrauen offenbart. In einem Bullenmarkt ist die Liquidität reichlich und die Hebelwirkung wächst schnell. Doch in Stresssituationen ziehen sich Market Maker zurück, die Spreads weiten sich und es entstehen scharfe Preisbewegungen, die zu großflächigen Liquidationen führen.
Ohne solide Markttiefe wird jeder externe Schockeffekt verstärkt. Die Kombination aus hoher Hebelwirkung, geringer Liquidität und fragilem Vertrauen erweist sich als fatal. Der Markt erholt sich seither nur schleppend. Eric Crown, ein ehemaliger Optionshändler an der NYSE Arca, fasste es nüchtern zusammen:
„Ich weiß nicht, ob Binance im Oktober bewusst den Markt ruiniert hat. Aber die Zutaten waren da: Hebeleffekt, schlechte Altcoins und keine Käufer. Es war immer eine Frage des Wann, nicht des Ob.“
Wie auch der Zusammenbruch von FTX im Jahr 2022 zeigte, wird die Anfälligkeit des Kryptomarktes erst in Krisenzeiten wirklich sichtbar. Laut Ether.fi-CEO Mike Silagadze fühlt sich die aktuelle Phase „noch schlimmer an als nach FTX“, trotz stärkerer Fundamentaldaten. Der Grund? „Preisbildung funktioniert nicht ohne Käufer.“
Ob Binance nun schuldig ist oder nicht, die Ereignisse rund um 10/10 unterstreichen die Notwendigkeit struktureller Reformen im Kryptomarkt. Ohne Transparenz, regulierte Aufsicht oder robuste Markttiefe bleiben ähnliche Crashs eine ständige Bedrohung.
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