Staatsanleihen steigen weltweit, da Anleger zunehmend besorgt über die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts im Nahen Osten sind. Während zuvor vor allem Inflation und hohe Ölpreise die Märkte belasteten, rückt nun ein größeres Risiko in den Fokus: eine mögliche weltweite wirtschaftliche Abschwächung.
Von Inflationsängsten zu Wachstumssorgen
Bis vor kurzem verkauften Anleger massenhaft Anleihen. Der Gedanke dahinter war klar: Höhere Ölpreise treiben die Inflation in die Höhe, was Zentralbanken zu Zinserhöhungen zwingt. Das macht bestehende Anleihen mit niedrigeren Zinsen unattraktiver.
Doch dieses Sentiment beginnt sich zu ändern. Der Fokus verschiebt sich auf ein anderes Risiko. Was, wenn der Konflikt länger andauert und die Weltwirtschaft durch einen Treibstoffmangel zum Erliegen kommt?
Laut Gareth Berry, Stratege bei Macquarie, nimmt der Markt dieses Szenario zunehmend ernst. Investoren blicken nach vorne und fragen sich, wie die Lage aussehen könnte, wenn es in einem Monat noch keine Lösung gibt. Es werden bereits Vergleiche mit der Corona-Zeit gezogen, als die Wirtschaft abrupt zum Stillstand kam. Diesmal wäre nicht die Pandemie der Grund, sondern Störungen in der Energieversorgung.
Zinssätze sinken auf breiter Front
Die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen, die besonders empfindlich auf Änderungen der Zinspolitik reagieren, fiel auf 3,88 Prozent. Die zehnjährige Rendite sank auf 4,39 Prozent. Auch in Australien und Japan gingen die Renditen deutlich zurück.
Dieser Rückgang zeigt, dass Anleger Anleihen wieder als sicheren Hafen kaufen. Dies stellt einen klaren Trendwechsel nach wochenlangem Verkaufsdruck dar.
Große Fonds warnen: Risiken werden unterschätzt
Immer mehr große Akteure an der Wall Street schlagen Alarm. Der Anleiheriese PIMCO weist darauf hin, dass die Finanzmärkte die Auswirkungen der Spannungen um Iran möglicherweise unterschätzen. Auch Goldman Sachs sieht steigende Risiken und erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer wirtschaftlichen Abschwächung im kommenden Jahr auf 30 Prozent.
Gleichzeitig gibt es auch andere Stimmen. Wall-Street-Veteran Ed Yardeni ist der Meinung, dass Teile des Anleihemarktes im Pessimismus übertrieben haben. Seiner Ansicht nach ist vor allem der kurze Teil der Zinskurve so eingepreist, als ob noch starke Straffungen kommen, obwohl dieses Szenario seiner Meinung nach unwahrscheinlicher ist.
Zehnjahresrendite sollte eigentlich deutlich niedriger sein
Chefökonom Torsten Slok von Apollo Global Management geht noch weiter. Seiner Meinung nach ist die US-Zehnjahresrendite immer noch zu hoch und sollte eher bei 3,90 Prozent liegen. Das wäre gut 50 Basispunkte niedriger als das aktuelle Niveau von über 4,40 Prozent.
Damit zeichnet er ein klares Szenario. Sollte die Wirtschaft tatsächlich abkühlen, besteht noch Spielraum für weitere Zinssenkungen und steigende Anleihekurse.
Gleichzeitig sagt das auch etwas über den zugrunde liegenden Grund der Bewegung aus. Es sind nicht unbedingt positive Aussichten, die Anleihen nach oben treiben, sondern zunehmende Sorgen über eine wirtschaftliche Rückkehr. Vor allem das Risiko anhaltender Störungen in der Energieversorgung spielt dabei eine immer größere Rolle.
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