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In der Kryptowelt ist viel von Dezentralisierung die Rede. Nach Ansicht von Andre Cronje ist davon bei vielen Projekten jedoch kaum noch etwas übrig. Der bekannte Entwickler und Gründer von Flying Tulip sagt, Unternehmen, Verwalter und Risikokomitees hätten immer mehr Einfluss gewonnen. Echte DeFi gebe es deshalb nur noch in kleinen Nischen des Marktes.
Aus seiner Sicht hat sich die Branche immer weiter von der ursprünglichen Idee entfernt: Finanzdienstleistungen ohne zentrale Instanz. DeFi existiere außerhalb sehr kleiner Nischen kaum noch, sagte Cronje.
DeFi steht für Decentralized Finance, also dezentrale Finanzdienstleistungen. Gemeint sind Anwendungen, über die Nutzer Finanzdienste direkt auf einer Blockchain nutzen können, ohne von einer Bank oder einem anderen zentralen Unternehmen abhängig zu sein.
Smart Contracts spielen dabei eine zentrale Rolle. Diese Programme führen Vereinbarungen automatisch auf einer Blockchain aus und können damit Aufgaben klassischer Zwischeninstanzen übernehmen.
Allein der Betrieb auf einer Blockchain reicht Cronje zufolge aber nicht aus, um ein Finanzprodukt tatsächlich als dezentral zu bezeichnen. Echte DeFi müsse dezentral und unveränderbar sein und ohne Zwischeninstanz funktionieren.
Genau daran scheitert es seiner Ansicht nach bei nahezu allen großen Protokollen. Immer häufiger gibt es Parteien, die eingreifen können, wenn etwas schiefläuft.
Dafür gibt es einen nachvollziehbaren Grund. Entwickler wollen Nutzer vor Hacks, Exploits und schweren technischen Problemen schützen. Notfallmechanismen können in solchen Situationen verhindern, dass Hunderte Millionen Dollar verloren gehen.
Gleichzeitig entsteht dadurch ein heikler Widerspruch. Wenn eine kleine Gruppe ein Protokoll anhalten, verändern oder anderweitig eingreifen kann, wie viel Dezentralisierung bleibt dann noch übrig?
Cronje warnte bereits früher in diesem Jahr vor dieser Entwicklung. Aus seiner Sicht bewegt sich die Branche damit schrittweise zurück in ein System, in dem zentrale Entscheidungsträger wieder eine wichtige Rolle spielen.
Die Debatte fällt in eine Phase, in der der DeFi-Markt deutlich geschrumpft ist. Daten von DefiLlama zufolge hat sich der Total Value Locked (TVL) innerhalb von rund zehn Monaten mehr als halbiert.
Anfang Oktober 2025 waren rund 167 Milliarden Dollar in DeFi-Protokollen gebunden. Inzwischen sind es nur noch etwa 75 Milliarden Dollar. Damit sind aus diesen Anwendungen mehr als 90 Milliarden Dollar abgeflossen.
Der TVL zeigt, wie viel Kapital Nutzer insgesamt in DeFi-Protokollen hinterlegt haben. Ein niedrigerer TVL bedeutet entsprechend, dass in diesen Anwendungen weniger Wert gebunden ist.
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) stellt die tatsächliche Dezentralisierung von Kryptoprojekten infrage. In einem Arbeitspapier vom März untersuchte die Notenbank unter anderem Aave, MakerDAO, Ampleforth und Uniswap.
Die Forscher werteten dafür Daten aus November 2022 und Mai 2023 aus. Bei jedem untersuchten Protokoll hielten die 100 größten Besitzer von Governance-Token zusammen mehr als 80 Prozent des Angebots.
Das ist bemerkenswert. Eine DAO ist eigentlich als Organisation gedacht, in der wichtige Entscheidungen von der Gemeinschaft getroffen werden. Besitzer von Governance-Token können etwa über Änderungen an einem Protokoll abstimmen.
Wenn eine kleine Gruppe den Großteil dieser Token hält, kann die Macht in der Praxis dennoch stark konzentriert sein.
Die Debatte reicht über die Frage hinaus, ob sich ein Kryptoprojekt zu Recht DeFi nennt. Der Grad der Dezentralisierung kann auch für die europäische Regulierung relevant sein.
Im Rahmen der europäischen Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) spielt eine Rolle, ob bestimmte Dienste vollständig dezentral angeboten werden. Steht hinter einem Protokoll dennoch eine klar identifizierbare Organisation oder Gruppe von Entscheidungsträgern, kann das Einfluss darauf haben, wie Aufsichtsbehörden das Projekt einstufen.
Die EZB-Forscher werfen deshalb die Frage auf, ob DAOs mit stark konzentriertem Besitz von Governance-Token überhaupt als vollständig dezentral gelten können.
Cronje ist der Ansicht, dass die Kryptobranche inzwischen eine andere Phase erreicht hat. Er spricht deshalb lieber von „Onchain Finance“ oder „Open Finance“. Damit werde deutlich, dass Finanzdienstleistungen über eine Blockchain laufen, ohne automatisch den Anspruch vollständiger Dezentralisierung zu erheben.
Die Branche sei längst über DeFi hinaus, sagte Cronje. Die Zwischeninstanz sei heute ein Unternehmen, ein Entscheidungsträger, ein Verwalter oder ein Risikokomitee – also Strukturen, wie man sie aus der Bankenwelt kenne.
Aus seiner Sicht sind damit Strukturen zurückgekehrt, die der traditionellen Finanzwelt stark ähneln. Die Infrastruktur hat sich verändert, die Zwischeninstanzen sind aber nicht vollständig verschwunden.
Trotzdem schreibt Cronje echte DeFi nicht ab. Seiner Ansicht nach gibt es weiterhin kleinere Nischen, in denen Protokolle nah an den ursprünglichen Prinzipien bleiben und tatsächlich Innovation entsteht.
Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Leichtigkeit, mit der Projekte heute das DeFi-Label erhalten. Eine Anwendung werde nicht automatisch dezentral, nur weil Transaktionen über eine Blockchain und Smart Contracts laufen.
Cronje zählt seit Jahren zu den bekannten Namen der Branche. Neben Flying Tulip und Fantom spielt er auch bei Sonic eine wichtige Rolle. Diese Blockchain gibt an, in einer Testumgebung eine finale Verarbeitungszeit von 720 Millisekunden erreicht zu haben.
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