Aktienmärkte steigen trotz andauerndem Nahost-Konflikt weiter. Auf den ersten Blick scheint das widersprüchlich. Laut ING ist dies jedoch gut erklärbar. Die Anleger denken vorausschauend und gehen davon aus, dass sich der wirtschaftliche Schaden in Grenzen hält.
Sowohl der S&P 500 als auch der Nasdaq erreichten in der vergangenen Woche neue Allzeithochs. In den drei Wochen seit dem Tiefpunkt Ende März stieg der S&P 500 wöchentlich um mindestens drei Prozent. Seit 1950 gab es bisher nur zweimal einen derart starken Aufschwung.
Märkte blicken voraus und blenden Unsicherheiten aus
Trotz zunehmender Spannungen bleibt der wichtigste wirtschaftliche Risikofaktor bestehen. Nach wie vor verkehren keine Öltanker durch die Straße von Hormus. Das hat direkte Auswirkungen auf die Energiepreise und darüber hinaus auf die Inflationserwartungen.
Dennoch lassen sich Anleger kaum davon abschrecken. Laut ING liegt das daran, dass die Finanzmärkte vorausschauend agieren. Solange Probleme als vorübergehend angesehen werden, bleiben Aktien attraktiv. Anleger rechnen mit einem vorübergehenden Anstieg der Inflation und erwarten keine bleibende Schäden für die Wirtschaft.
Erst wenn Unternehmensgewinne strukturell unter Druck geraten, Zentralbanken unerwartet die Zinsen erhöhen müssen oder eine Rezession droht, kippt die Stimmung. Vorerst ist das nicht der Fall. Im Gegenteil, die ersten Quartalszahlen fallen im Durchschnitt besser aus als erwartet. Analysten haben ihre Gewinnerwartungen in den vergangenen Wochen sogar angehoben.
Furcht, den Anschluss zu verpassen, treibt die Rally an
Die jüngste Börsenrally wird auch durch vergangenes Verhalten befeuert. Letztes Jahr im April sanken die Aktienkurse zunächst stark, um sich dann schnell zu erholen, als Importzölle verschoben wurden. Viele Anleger verpassten diese Wende.
Das hat zu einem neuen Phänomen auf dem Markt geführt. Anleger sind vorsichtiger mit Verkäufen und steigen bei Kursrückgängen schneller wieder ein. Die Angst, eine plötzliche Erholung zu verpassen, spielt eine große Rolle. Negativnachrichten führen daher nur noch zu begrenztem Verkaufsdruck.
Gleichzeitig setzen Anleger erneut auf eine politische Wende von Präsident Trump. Angesichts der bevorstehenden US-Wahlen hat er ein Interesse daran, dass die Energiepreise sinken. Das erhöht die Erwartung, dass sich die Situation um die Straße von Hormus letztlich verbessern wird.
Warten auf Bestätigung des Optimismus
Trotz zunehmender Spannungen bleibt der wichtigste wirtschaftliche Risikofaktor bestehen. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz ist nahezu zum Erliegen gekommen, mit nur gelegentlichem Verkehr. Das hat direkte Auswirkungen auf die Energiepreise und damit auf die Inflation.
Die kommenden Wochen werden daher sehr spannend. Die Wirtschaft muss zeigen, dass der Schaden begrenzt bleibt und Unternehmen müssen weiterhin den erhöhten Gewinnerwartungen gerecht werden. Vor allem Sektoren, die weniger sensibel auf Energiepreise reagieren, scheinen dabei im Vorteil zu sein.
Nach dem starken Anstieg der letzten Wochen scheint es kurzfristig schwieriger zu sein, weiter zu steigen. Märkte laufen oft den Nachrichten voraus. Das bedeutet auch, dass Enttäuschungen schneller Auswirkungen haben können.
Kein Rendite ohne Risiko
Für Anleger, die sich noch zurückhalten, gibt es eine klare Lektion. Die Börse steigt oft gerade in Zeiten der Ungewissheit. Abzuwarten, bis alle Risiken verschwunden sind, bedeutet meist, dass ein Großteil der Rendite bereits erzielt wurde.
Ungewissheit gehört zum Investieren dazu. Es ist genau diese Ungewissheit, die langfristig für Rendite sorgt.
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