In Ländern mit anhaltender monetärer Unruhe entwickelt sich Krypto zu einer dringend benötigten Alternative zum traditionellen Finanzsystem. Weltweit hat sich die Inflation seit der Corona-Krise zwar etwas abgeschwächt, doch in vielen Schwellenländern kämpfen Haushalte weiterhin mit extremen Preisanstiegen.

Immer mehr Menschen nutzen Krypto, um ihre Kaufkraft zu schützen oder Zugang zu stabilen ausländischen Währungen zu bekommen.

Stärkstes Wachstum in Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten

In Staaten in Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten suchen Bürger nach Wegen, ihre Ersparnisse vor Inflation und Kapitalverkehrskontrollen zu schützen. Laut Analysehaus Chainalysis übersteigen die jährlichen Kryptotransaktionen in einigen dieser Länder Dutzende Milliarden US‑Dollar. In diesem Artikel stellen wir einige dieser Länder vor.

Bolivien: Preise in Stablecoins

Vor allem in Südamerika ist die Nutzung von Krypto weit verbreitet – so auch in Bolivien. Die Inflation lag dort im Oktober 2025 bei gut 22 Prozent. Trotz eines leichten Rückgangs seit dem Sommer bleibt die wirtschaftliche Lage fragil. Die Devisenreserven sind seit 2014 stark geschrumpft, was zu einem verstärkten Einsatz von Krypto geführt hat.

Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 wurden in Bolivien laut Chainalysis Kryptotransaktionen im Wert von rund 14,8 Milliarden US‑Dollar abgewickelt. Geschäfte in Städten wie La Paz sind inzwischen dazu übergegangen, ihre Preise in USDT, der Stablecoin von Tether, auszuzeichnen: „Unsere Produkte sind in USDT (Tether) ausgezeichnet, einer stabilen Kryptowährung mit einem Referenzkurs, der täglich von der Zentralbank Boliviens auf Basis des Binance-Wechselkurses festgelegt wird“, war auf Schaufenstern zu lesen.

Die bolivianische Regierung reagiert auf die wachsende Vorliebe der Bevölkerung für Krypto. Banken dürfen ab dieser Woche Krypto-Custody anbieten, und Kryptowährungen können für Sparkonten, Kredite und andere Finanzprodukte genutzt werden.

Venezuela: vom Bolívar zu „Binance-Dollars“

Venezuela kämpft mit der höchsten Inflation in der südamerikanischen Region. Im April 2025 lag sie laut Trading Economics bei 172 Prozent. Der IWF rechnet damit, dass sie 2026 auf bis zu 600 Prozent steigen könnte. Die Landeswährung verliert damit faktisch ihren Wert.

Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 wurden laut Chainalysis Kryptowerte im Umfang von 44,6 Milliarden US‑Dollar nach Venezuela geschickt. Ein Großteil dieser Ströme läuft über Stablecoins, die vor Ort den Spitznamen „Binance-Dollars“ erhalten haben. „Präsident Nicolás Maduro hat das Land auf Stablecoins umgestellt“, berichtete die New York Times.

Auch die frühere Präsidentschaftskandidatin María Corina Machado, die kürzlich den Friedensnobelpreis erhielt, ist eine dezidierte Befürworterin von Bitcoin (BTC).

Argentinien: Adoption ohne klare Regulierung

Argentinien hat es seit April 2024 geschafft, die Inflation von 300 Prozent auf 31 Prozent zu senken. Die Reformen von Präsident Javier Milei, darunter harte Sparmaßnahmen und das Stoppen der Geldschöpfung, tragen maßgeblich zu diesem Rückgang bei.

Dennoch bleibt das Vertrauen in den Peso gering. Laut Chainalysis flossen zwischen Juli 2024 und Juni 2025 Krypto-Vermögenswerte im Wert von 93,9 Milliarden US‑Dollar nach Argentinien – der zweithöchste Wert in Lateinamerika. Trotz dieser Zahlen fehlt es bisher an einer konkreten staatlichen Krypto-Strategie.

Türkei: von Inflation zum Altcoin-Casino

Auch außerhalb Lateinamerikas zeigen sich ähnliche Entwicklungen in Ländern, in denen Inflation und Währungsverluste die Bürger zu Alternativen treiben. In der Türkei schoss die Inflation 2022 auf 85 Prozent hoch – eine Folge der Politik, mit Zinssenkungen gegen Teuerung vorzugehen. Inzwischen liegt die Inflation bei 32 Prozent.

Die Türkei ist heute der größte Kryptomarkt in der Region Naher Osten und Nordafrika, mit einem jährlichen Transaktionsvolumen von 200 Milliarden US‑Dollar. Auffällig ist, dass vor allem Altcoins dort besonders beliebt sind. Chainalysis spricht in diesem Zusammenhang von einer „verzweifelten Jagd nach Rendite“ in einer schwierigen türkischen Wirtschaftslage.

Iran: Krypto als Ausweg aus Sanktionen

Im Iran ist die Inflation von gut 40 Prozent im Juni auf 45 Prozent im September 2025 gestiegen. Wegen internationaler Sanktionen gestaltet sich der Import von Gütern und die Abwicklung von Zahlungen schwierig. Krypto bietet hier einen Ausweg.

Krypto-Mining ist im Iran seit 2019 legal, ein Großteil des Sektors ist jedoch wegen hoher Energiekosten in den Untergrund abgewandert. Börsen bleiben trotz strenger Regulierung beliebt. Laut Analysten nehmen die eingehenden Kryptoströme weiter zu und dürften die Werte von 2023 und 2024 übertreffen.

Nigeria: Stabilisierung nach Strukturreformen

Nigeria gehört ebenfalls zu den Ländern, die häufig in solchen Listen der „Inflationsstaaten“ auftauchen. Das Land hat seine Inflation von über 30 Prozent auf 16 Prozent gesenkt – den niedrigsten Stand seit drei Jahren. Die Versorgungssituation hat sich verbessert, Treibstoffsubventionen wurden abgeschafft, und die Zentralbank hat erstmals seit 2022 den Leitzins gesenkt.

Mit einem Jahresvolumen von 92,1 Milliarden US‑Dollar bleibt Nigeria dennoch der größte Kryptomarkt in Subsahara-Afrika. Nach Einschätzung von Chainalysis ist dies vor allem auf die Kombination aus anhaltender wirtschaftlicher Instabilität, Wechselkursproblemen und einer jungen, digital affinen Bevölkerung zurückzuführen.

Deutlich wird: In vielen Schwellenländern ist Krypto längst mehr als ein reines Spekulationsobjekt. Es hat sich zu einer praktischen Lösung gegen Inflation, Kapitalflucht und für den Zugang zu globalen Finanzdienstleistungen entwickelt. Während Zentralbanken weltweit versuchen, die Teuerung unter Kontrolle zu bringen, bleibt Krypto für Millionen Menschen ein unverzichtbares Instrument in einem fragilen Finanzsystem.

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