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Goldman Sachs sieht in tokenisiertem Wasser einen Ausweg für einen blockierten Wassermarkt. Die Bank hatte dies im Mai in einem Bericht skizziert; in diesem Monat ist die Debatte darüber deutlich aufgeflammt.

Dahinter steht eine unbequeme Tatsache: Bei dem wichtigsten Rohstoff der Erde weiß niemand genau, was er eigentlich wert ist.

Ein Rohstoff ohne echten Markt

Das Goldman Sachs Global Institute veröffentlichte am 14. Mai den Bericht Securing and Financing the Future of Water. Nach Berechnungen des World Economic Forum muss die Welt bis 2040 rund 11,4 Billionen Euro in Wasserinfrastruktur investieren. Das sind 6,5 Billionen Euro mehr als derzeit vorgesehen.

Dieses Kapital kommt nicht von allein. Wasserprojekte sind kapitalintensiv und amortisieren sich oft erst über Jahrzehnte. Das schreiben die Autoren, darunter Jared Cohen, President Global Affairs bei Goldman Sachs.

Hinzu kommt, dass der Preis selten die tatsächlichen Kosten widerspiegelt. Im Nahen Osten und in Nordafrika, wo Wasser am knappsten ist, liegt der Tarif dem Bericht zufolge häufig bei nur rund 35 Prozent der realen Kosten.

Gleichzeitig steigt die Nachfrage stark. Rechenzentren verbrauchen nach Angaben der Internationalen Energieagentur derzeit rund 560 Milliarden Liter pro Jahr. Bis 2030 könnte sich dieser Wert auf 1,2 Billionen Liter mehr als verdoppeln.

Der Investitionsstau zeigt sich besonders deutlich in den Leitungsnetzen. In Mexiko-Stadt versickern zeitweise bis zu 35 Prozent des Wassers durch undichte Rohre. Jordanien verliert jedes Jahr fast die Hälfte seiner Wasservorräte durch Lecks, Diebstahl und Verschwendung.

Zugleich haben 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, während mehr als 70 Prozent des entnommenen Süßwassers in die Landwirtschaft fließen.

Ahmed Bin Sulayem, Executive Chairman und CEO der Dubaier Rohstoffbörse DMCC, brachte es im vergangenen Jahr auf den Punkt: Wasser sei weiterhin der einzige kritische Rohstoff ohne einen ausgereiften, regulierten Markt.

So funktioniert tokenisiertes Wasser

Gehandelt werden nicht die einzelnen Liter, sondern die Rechte daran: also die Genehmigung, eine bestimmte Menge Kubikmeter pro Jahr aus einem Fluss oder Grundwasserleiter zu entnehmen. Der Wassertoken ist der digitale Eigentumsnachweis für einen solchen Anspruch auf einer Blockchain, während intelligente Zähler den Verbrauch melden.

Dadurch ändern sich vier Dinge:

  1. Die Übertragung dauert Minuten statt Wochen voller Papierarbeit.
  2. Rechte lassen sich in kleine Einheiten aufteilen, sodass auch kleinere Nutzer teilnehmen können.
  3. Der Durchflussmesser ist direkt mit dem Register verbunden, sodass derselbe Liter nicht zweimal vergeben werden kann.
  4. Einsparungen werden handelbar: Wer Wasser übrig hat, kann diesen Überschuss zu Geld machen.

Ein Beispiel ist ein Landwirt, der auf Tröpfchenbewässerung umstellt. Er verbraucht weniger Wasser als ihm jährlich zusteht und verkauft den Überschuss an einen Nachbarn in einer Trockenphase oder an eine weiter entfernte Stadt.

In Australien funktioniert ein solcher Austausch seit Jahren, allerdings mit Papierdokumenten und Vermittlern. Ein Token soll daraus einen Vorgang von wenigen Minuten machen, in Einheiten, die klein genug für eine einzelne Saison sind.

Genau darauf zielt Goldman Sachs ab. Tokenisierte Finanzierung könne Unternehmen, die Wasser sparen oder wiederverwenden, über die Anbindung an Durchflussmesser zu handelbaren Gutschriften verhelfen, schreiben die Analysten. Ein handelbares Recht kann als Sicherheit dienen; mit einer solchen Sicherheit lässt sich etwa eine Aufbereitungsanlage finanzieren.

Neu ist die Idee nicht. Bei CO2 gibt es solche Credits seit Jahren: Wer Emissionen vermeidet, verkauft den entsprechenden Nachweis an jemanden, der kompensieren will.

Der erste Versuch, diese Credits auf die Blockchain zu bringen, scheiterte. Das Toucan Protocol brachte mehr als 20 Millionen Credits auf die Blockchain, häufig alte Zertifikate aus inaktiven Projekten. Die Zertifizierungsstelle Verra untersagte am 25. Mai 2022 die Tokenisierung bereits stillgelegter Credits.

Danach brach der gesamte freiwillige CO2-Markt ein: von einem Handelsvolumen von fast 2 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf rund 535 Millionen Dollar im Jahr 2024.

Die Lehre daraus: Ein wertloser Nachweis wird durch Tokenisierung nicht besser, sondern nur schneller handelbar.

Inzwischen sind die Standards strenger. Verra genehmigte in diesem Jahr die ersten digital verifizierten Credits, und JPMorgan tokenisiert seit dem vergangenen Jahr gemeinsam mit S&P Global Credits direkt im Register.

Die Vereinigten Arabischen Emirate experimentieren Goldman Sachs zufolge bereits mit tokenisiertem Wasser. DMCC unterzeichnete am 17. Juni 2025 eine Absichtserklärung mit AQUA-INDEX, das Trinkwasser aus Reservoirs mit digitalen Einheiten verknüpfen will.

Einen Handelsstart gibt es gut ein Jahr später noch immer nicht.

Funktioniert ein solcher Wassermarkt in der Praxis?

Bislang kaum. Der einzige echte Preismarkt für Wasser läuft seit Ende 2020 in Kalifornien, wo Terminkontrakte an den Nasdaq Veles Index gekoppelt sind. Dieser Index stand am 12. August bei 480,32 Dollar je Acre-Foot, doch der Handel ist seit Jahren dünn.

Ein Acre-Foot entspricht gut 1,2 Millionen Litern. Umgerechnet kostet kalifornisches Wasser damit rund 39 US-Cent je tausend Liter, weniger als eine kleine Flasche Mineralwasser im Supermarkt.

Wer einen solchen Kontrakt kauft, erhält keinen einzigen Liter Wasser. Die kalifornischen Futures werden in Geld abgerechnet und bilden lediglich den Preis ab.

Genau hier setzt das Versprechen eines Wassertokens an. Hinter jeder Einheit soll eine verifizierte Wassermenge stehen, während die Blockchain als Kassenbuch festhält, wem was gehört, und verhindert, dass derselbe Liter zweimal verkauft wird.

Ob das den Markt in Gang bringt, bleibt offen. In Kalifornien liegt das Problem vor allem in der geringen Zahl von Käufern und Verkäufern. Daran ändert ein Token für sich genommen nichts.

Gerade der Schritt an die Börse ist politisch heikel. Pedro Arrojo-Agudo, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf sicheres Trinkwasser, warnte bereits zum Start dieses Marktes davor, dass Spekulanten von Knappheit profitieren könnten.

„Wasser gehört allen und ist ein öffentliches Gut.“

Nun muss sich zeigen, ob Dubai seinen Wassertoken tatsächlich in den Handel bringt. Gelingt das, hätte Wasser erstmals einen Preis, hinter dem auch ein physischer Bestand steht. Bleibt es bei Absichtserklärungen, bleibt Wasser, was es heute ist: ein Rohstoff ohne Preisschild.

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