Nach Jahren kräftiger Kursanstiege scheint Gold in eine neue Phase einzutreten: Eine, in der Geschichten wichtiger sind als Modelle. Während der Goldpreis traditionell durch reale Zinsen, Inflationserwartungen und Dollarbewegungen erklärt wurde, scheint diese Beziehung mittlerweile weitgehend gelöst zu sein.

Laut Ruchir Sharma bewegt sich Gold zunehmend in einer Phase, die man als „Geschichtenphase“ bezeichnen könnte. Der Preis wird von Erzählungen über geopolitische Risiken, Unsicherheit und das Ende der Dollar-Hegemonie getrieben. Nicht mehr von klassischen wirtschaftlichen Variablen.

Von zinsgetrieben zu geschichtengetrieben

Historisch gesehen stieg der Goldpreis vor allem in Zeiten, in denen die realen Zinsen sanken. Wenn Spargelder und Anleihen wenig abwarfen, suchten Investoren Zuflucht in Gold, einem Vermögenswert ohne Zins, aber mit Aufwärtspotenzial.

Dieses Muster änderte sich 2023. Trotz relativ hoher und sogar steigender realer Zinsen begann Gold stark zu steigen. Der Hauptantrieb war der massive Ankauf durch Zentralbanken, die ihre Abhängigkeit vom Dollar nach den Sanktionen gegen Russland verringern wollten.

Doch mittlerweile reicht auch diese Geschichte nicht mehr aus. Das Tempo der Zentralbankkäufe hat nachgelassen. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Schmuck stark zurückgegangen aufgrund des hohen Preises.

Was bleibt, ist die finanzielle Nachfrage: Investoren.

ETFs und chinesische Privatanleger übernehmen

Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Anteil der Investoren an der gesamten Goldnachfrage auf etwa 35 Prozent weltweit. Besonders die Zuflüsse in Gold-ETFs nahmen drastisch zu. In China stiegen Privatanleger massenhaft ein, ein Phänomen, das dort schnell den Spitznamen „Tanten-Investoren“ erhielt.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von physischer zu finanzieller Nachfrage. Das macht Bewertungsmodelle deutlich weniger zuverlässig.

Nach historischen Maßstäben ist der Goldpreis inzwischen extrem. Im Verhältnis zur Inflation notiert Gold etwa fünf Standardabweichungen über dem langjährigen Durchschnitt. Einfach gesagt: Das ist außergewöhnlich.

Ein Modell des World Gold Council führt mehr als 80 Prozent des jüngsten Anstiegs auf „Risiko und Unsicherheit“ zurück, also Faktoren, die schwer zu quantifizieren sind.

Vergleiche mit den 1970er Jahren

Befürworter von Gold verweisen gerne auf frühere Superzyklen, insbesondere die 1970er Jahre. Damals explodierte der Goldpreis in einem Umfeld hoher Inflation, Ölkrisen und geopolitischer Spannungen.

Doch die aktuelle Situation unterscheidet sich grundlegend, so Ruchir Sharma. Die Inflation liegt weit unter den zweistelligen Werten der Carter-Ära. Und obwohl die Welt unsicher wirkt, bleibt fraglich, ob sie objektiv instabiler ist als während Vietnam, dem Öl-Embargo oder der Geiselkrise im Iran.

Ein weiteres populäres Argument ist die „Dollarentwertung“: die Aushöhlung des Wertes der US-Währung. Aber wenn dies die treibende Kraft ist, warum halten sich andere dollarbezogene Vermögenswerte, wie US-Aktien und Staatsanleihen, dann relativ gut?

Abseits der Fundamentaldaten, aber das Momentum bleibt

Auf Basis von reellen Zinsindikatoren notiert Gold derzeit etwa fünfmal über seinem ‚fairen Wert‘. Zum Vergleich: Am Ende der 1970er Jahre lag diese Prämie bei etwa 2,5-fach.

Trotzdem ist es schwierig, einen klaren Auslöser für einen Trendbruch zu identifizieren. Weltweit gibt es noch immer viel Liquidität im System. Investoren halten relativ wenig Gold im Vergleich zu früheren Superzyklen. Und ein aggressiver Zyklus von Zinserhöhungen wie unter Paul Volcker in den 1980er Jahren erscheint vorerst unwahrscheinlich.

Das bedeutet, dass die Goldhausse noch Raum haben könnte. In inflationsbereinigten Begriffen hat sich Gold in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht. Das ist beeindruckend, aber immer noch weniger spektakulär als der zwölfmalige Anstieg in den 1970er Jahren. Im Vergleich zu Bitcoin, dem digitalen Gold, ist das Edelmetall ebenfalls deutlich gestiegen.

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