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Tausende heilige Statuen und Kunstgegenstände sind in den vergangenen Jahrzehnten aus kambodschanischen Tempeln geraubt worden. Über ein internationales Schmuggelnetzwerk gelangten sie zu wohlhabenden Sammlern, Auktionshäusern und einigen der bekanntesten Museen der Welt.
Im Zentrum dieses Handels stand Douglas Latchford. Der britische Kunsthändler gab sich als Kenner und Bewahrer der kambodschanischen Kultur. Ermittler gehen jedoch davon aus, dass er über Jahre von Plünderungen in einer der dunkelsten Phasen der Geschichte Kambodschas profitierte.
Kambodscha zählt rund 4.000 Tempel. Nach Einschätzung von Ermittlern wurde nahezu jeder von ihnen geplündert. Statuen wurden geköpft, Körper von ihren Sockeln geschlagen, schwere Skulpturen mit Gewalt aus dem Boden gerissen.
Die Plünderungen nahmen während des Völkermords, des Bürgerkriegs und der politischen Instabilität in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren stark zu. Die Roten Khmer übernahmen 1975 die Macht. Schätzungen zufolge starben etwa zwei Millionen Menschen durch Hinrichtungen, Zwangsarbeit und Hunger.
Auch nach dem Sturz des Regimes blieb Kambodscha über Jahre unsicher. Tempel lagen verlassen, waren von Landminen umgeben oder dienten bewaffneten Gruppen als Unterschlupf. Eine Aufsicht über archäologische Stätten gab es kaum.
Plünderer zogen teils wochenlang durch abgelegene Tempelgebiete. Sie arbeiteten mit Schaufeln, Meißeln, Metalldetektoren und sogar Dynamit. Große Steinstatuen wurden von Dutzenden Männern auf Ochsenkarren geladen und in Richtung der Grenze zu Thailand gebracht.
Für viele lokale Plünderer war die gefährliche Arbeit eine Möglichkeit, ihre Familien zu ernähren. Sie erhielten mitunter nur wenige Hundert Dollar für Objekte, die später für Millionen angeboten wurden.
Viele geraubte Kunstgegenstände landeten schließlich bei Douglas Latchford, der von Bangkok aus agierte. Seit den sechziger Jahren sammelte er Statuen aus dem früheren Khmer-Reich und wurde zu einem bekannten Namen im internationalen Kunsthandel.
Latchford veröffentlichte mehrere Bücher über kambodschanische Kunst und schenkte bedeutenden Institutionen Objekte, darunter dem Metropolitan Museum of Art in New York. So erwarb er sich den Ruf eines sachkundigen und seriösen Händlers.
Nach Einschätzung von Ermittlern dienten seine Bücher zugleich als Verkaufskataloge. Fotos der Statuen vermittelten potenziellen Käufern den Eindruck, die Objekte seien gründlich geprüft und rechtmäßig erworben worden. Ausgerechnet diese Bücher halfen Ermittlern später, Tausende vermisste Objekte zu identifizieren.
Latchford soll zudem gefälschte Dokumente und erfundene Herkunftsgeschichten verwendet haben. Käufer verlangten häufig Belege dafür, dass ein Kunstwerk Kambodscha bereits vor den internationalen Vereinbarungen von 1970 verlassen hatte. In den Unterlagen tauchte deshalb immer wieder ein inzwischen verstorbener Sammler auf, der die Stücke angeblich zuvor in Hongkong oder Vietnam erworben hatte.
US-Ankläger kamen später zu dem Schluss, dass mehrere dieser Erklärungen erfunden waren.
Ein wichtiger Durchbruch gelang durch den früheren Plünderer Toek Tik. Er war als Kind Soldat bei den Roten Khmer gewesen und leitete später ein großes Netzwerk von Tempelräubern. Ermittler gaben ihm den Codenamen Lion.
Als Lion die Bücher Latchfords durchsah, erkannte er eine Statue nach der anderen wieder. Er konnte angeben, aus welchem Tempel ein Objekt stammte, wie groß es war und wie es entfernt worden war. An Dutzenden Fundorten zeigte er Ermittlern zurückgebliebene Füße, Sockel und Bruchstücke.
Lion sagte gegen Ende seines Lebens, er bereue seine Taten. Er wolle, dass die Götter nach Hause zurückkehrten. Seine Aussagen wurden zu einem wichtigen Bestandteil der US-Ermittlungen gegen Latchford.
Der Fall erhielt internationale Aufmerksamkeit, nachdem das Auktionshaus Sotheby’s 2011 eine große steinerne Kriegerstatue verkaufen wollte. Die Statue wog rund 225 Kilogramm und wurde auf zwei bis drei Millionen Dollar geschätzt.
Archäologen identifizierten sie als Statue aus Koh Ker, einem Tempelkomplex im Norden Kambodschas. Ermittler reisten zu dem Ort und fanden dort den Sockel mit den abgeschlagenen Füßen noch im Boden. Die Bruchkanten passten zu der angebotenen Statue.
Nach einem jahrelangen Rechtsstreit kehrte die Statue nach Kambodscha zurück.
Der Fall legte auch die Herkunft weiterer kambodschanischer Kunstwerke offen. Statuen, die über Latchford verkauft worden waren, fanden sich in Museen und luxuriösen Privathäusern in den Vereinigten Staaten.
Im Haus des US-Milliardärs George Lindemann und seiner Frau Frayda standen mehrere kambodschanische Statuen als Dekoration. Ermittler stießen auf die Sammlung, nachdem sie 2008 im Magazin Architectural Digest abgebildet worden war.
Ehemalige Plünderer erkannten mehrere Werke wieder. Eines der Objekte war eine liegende Darstellung des hinduistischen Gottes Vishnu. Sie erklärten, die Statue sei 1995 an einem bestimmten Ort ausgegraben worden.
Die Familie Lindemann erklärte sich 2023 bereit, 33 Objekte zurückzugeben. Sie teilte mit, die Kunstwerke seien von Händlern erworben worden, die damals als vertrauenswürdig gegolten hätten.
Auch andere wohlhabende Sammler gaben Objekte zurück. Netscape-Mitgründer Jim Clark überließ 35 Kunstwerke den Behörden, nachdem Ermittler ihm Informationen über deren mutmaßliche Herkunft vorgelegt hatten.
Auch das Metropolitan Museum of Art geriet unter Druck. Das Museum besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen kambodschanischer Kunst außerhalb Asiens. Mehrere Spitzenstücke stammten von Latchford oder waren über ihn verkauft worden.
Ein Vertreter des Museums räumte gegenüber CBS ein, dass bei einigen Ankäufen die Herkunft nicht ausreichend geprüft worden sei. 2023 kündigte das Museum an, mehr Personal und Mittel für die Provenienzforschung seiner Sammlung bereitzustellen.
Im selben Jahr beschloss das Museum, vierzehn Objekte zurückzugeben. Vor Kurzem folgten nach dem Eingreifen der Staatsanwaltschaft in Manhattan zwei weitere Kunstwerke. Die kambodschanische Regierung fordert weiterhin die Rückgabe Dutzender weiterer Objekte aus der Sammlung.
Latchford wurde 2019 in den Vereinigten Staaten unter anderem wegen Schmuggels, Betrugs und Verschwörung angeklagt. Er starb 2020, bevor der Fall vor Gericht verhandelt werden konnte. Seine Tochter übergab Kambodscha später mehr als hundert Kunstwerke sowie ein großes Archiv mit Fotos, Rechnungen und Korrespondenz.
Ermittler schätzen, dass durch ihre Arbeit mindestens 300 Objekte zurückgekehrt sind. Dennoch befinden sich vermutlich noch Tausende kambodschanische Kunstschätze in Museen und Privatsammlungen.
Für viele Kambodschaner sind die Statuen mehr als historische Kunstwerke. Sie gelten als lebendige Repräsentanten von Göttern und Vorfahren. Kulturministerin Phoeurng Sackona beschrieb ihre Rückkehr daher als Heimholung der „Seele der Nation“.
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