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Der japanische Yen war über Jahre eine der beliebtesten Währungen, um sich günstig zu finanzieren. Anleger nahmen Yen-Kredite zu sehr niedrigen Zinsen auf und investierten das Geld anschließend in Ländern und Anlagen mit deutlich höheren Renditen. Diese Strategie ist als Carry Trade bekannt.
Doch dieses Geschäftsmodell gerät unter Druck. Die Bank of Japan (BoJ) hat ihre Negativzinspolitik beendet und die Zinsen angehoben. Damit wird die Finanzierung in Yen teurer, während die mögliche Rendite des Carry Trades sinkt.
Das ist nicht nur für die japanische Währung relevant. Wenn große Anlegergruppen ihre Carry Trades gleichzeitig zurückfahren, kann das Zwangsverkäufe bei Aktien, Anleihen und anderen riskanteren Anlagen auslösen.
Das Prinzip eines Carry Trades ist vergleichsweise einfach. Ein Anleger nimmt Geld in einem Land mit niedrigen Zinsen auf und investiert es anschließend in einem Land mit höheren Zinsen. Die Differenz zwischen beiden Zinssätzen bildet den potenziellen Ertrag.
Nimmt ein Anleger etwa 1 Million Yen zu einem Zinssatz von einem Prozent auf, tauscht das Geld in US-Dollar und legt es anschließend zu einer Rendite von vier Prozent an, bleibt ihm bei stabilem Wechselkurs grob ein Zinsvorteil von drei Prozent.
Das klingt attraktiv, hat aber eine zentrale Voraussetzung: Der Yen darf nicht plötzlich stark aufwerten.
Muss ein Anleger seine US-Dollar am Ende wieder in Yen tauschen, um den Kredit zurückzuzahlen, kann ein stärkerer Yen den gesamten Zinsgewinn zunichtemachen. Bei größeren Bewegungen kann daraus sogar ein erheblicher Verlust entstehen.
Genau deshalb war Japan über Jahre so attraktiv. Die Zinsen waren extrem niedrig, und Anleger konnten sich lange Zeit vergleichsweise günstig in Yen verschulden.
Diese Situation hat sich inzwischen verändert. Die BoJ beendete im März 2024 ihre Negativzinspolitik und begann anschließend mit Zinserhöhungen.
Für Carry Trader hat das zwei Folgen. Erstens wird es teurer, Yen zu leihen. Der Zinsabstand zu Ländern wie den Vereinigten Staaten schrumpft, sodass weniger Ertrag übrig bleibt.
Zweitens ist das Risiko einer plötzlichen Aufwertung des Yen gestiegen. Die japanischen Behörden haben seit 2022 mehrfach am Devisenmarkt interveniert, um den schwachen Yen zu stützen. Ein unerwarteter Anstieg der japanischen Währung kann Carry Trades daher rasch in die Verlustzone drücken.
Einige Anleger prüfen deshalb inzwischen Alternativen. Bloomberg nennt unter anderem den Schweizer Franken und den chinesischen Offshore-Yuan. Beide Währungen verbinden relativ niedrige Finanzierungskosten mit einem nach Einschätzung von Strategen günstigeren Verhältnis von Rendite und Währungsrisiko.
Die größte Gefahr entsteht, wenn viele Anleger gleichzeitig beschließen, ihre Carry Trades zu schließen.
Um einen Yen-Kredit zurückzuzahlen, müssen Anleger zunächst die Anlage verkaufen, die sie mit dem geliehenen Geld finanziert haben. Anschließend müssen sie mit dem Erlös Yen kaufen.
Dadurch können sich zwei Bewegungen gegenseitig verstärken. Aktien, Anleihen oder andere Anlagen werden verkauft, während zugleich die Nachfrage nach Yen steigt. Der Yen wertet dadurch auf, wodurch noch offene Carry Trades weiter an Attraktivität verlieren.
Anleger können dann ebenfalls zu Verkäufen gezwungen sein. Das gilt besonders, wenn sie mit Fremdkapital handeln und bei steigenden Verlusten zusätzliche Sicherheiten hinterlegen müssen.
So kann eine vergleichsweise kleine Bewegung am Devisenmarkt am Ende Verkaufsdruck an Aktienmärkten rund um den Globus auslösen.
Wie schnell das gehen kann, zeigte sich im Sommer 2024. Die Bank of Japan hob damals die Zinsen an, Gouverneur Kazuo Ueda stellte weitere Schritte in Aussicht.
Daraufhin begannen Anleger in großem Umfang, Positionen abzubauen, die mit billigem Yen finanziert worden waren. Zwischen dem 31. Juli und dem 5. August legte der Yen gegenüber dem US-Dollar um rund acht Prozent zu.
Die Bewegung am Aktienmarkt fiel noch stärker aus. Der japanische Nikkei 225 verlor im selben Zeitraum rund 19 Prozent. Auch beliebte Carry-Trade-Währungen gerieten unter Druck. Der mexikanische Peso verlor gegenüber dem Yen etwa 13 Prozent.
Das Ereignis zeigte, warum Anleger die japanischen Zinsen genau verfolgen. Es geht nicht nur um Japan. Ein schneller Anstieg des Yen kann weltweit Positionen treffen, die mit geliehenem japanischem Geld aufgebaut wurden.
Wie viel Geld tatsächlich über Carry Trades investiert ist, lässt sich kaum exakt bestimmen. Die Strategie kann über Kredite, Währungen, Derivate und zahlreiche andere Finanzkonstruktionen umgesetzt werden.
Forscher der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) schätzten 2024, dass nichtbankliche Marktteilnehmer ein Netto-Yen-Angebot von rund 200 Billionen Yen aufgenommen hatten. Damals entsprach das etwa 1,3 Billionen US-Dollar.
Dieser Betrag besteht nicht vollständig aus Carry Trades. Darunter fallen etwa auch ausländische Anleger, die Währungsrisiken bei japanischen Anlagen absichern. Er vermittelt aber eine Vorstellung von der enormen Größenordnung internationaler Positionen, in denen der Yen eine Rolle spielt.
Aktuelle Daten zeigen zugleich, dass Spekulanten vorsichtiger werden. Hedgefonds haben ihre Netto-Shortpositionen in Yen-Futures und -Optionen seit Ende Juni um fast zwei Drittel reduziert. Ende Juni hatten diese Positionen noch den höchsten Stand seit 19 Jahren erreicht.
Das passt zu einem Markt, in dem der Yen allmählich einen Teil seiner früheren Attraktivität als günstige Finanzierungswährung verliert. Je weiter die japanischen Zinsen steigen und je größer das Risiko einer Yen-Aufwertung wird, desto weniger selbstverständlich wird der Carry Trade.
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