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Wall Street hatte in diesem Herbst mit einer Welle großer Börsengänge gerechnet. Doch die Pläne geraten zunehmend ins Wanken. Unternehmen verschieben ihr Börsendebüt, während Anleger angesichts der Unruhe an den Finanzmärkten, höherer Zinsen und wachsender Sorgen um künstliche Intelligenz kritischer werden.

Unter anderem Oura, Anthropic und mehrere weitere große Unternehmen haben ihre Pläne inzwischen angepasst. Damit droht eine Börsensaison, die eigentlich spektakulär werden sollte, zu einer deutlichen Enttäuschung zu werden.

Oura verschiebt milliardenschweren Börsengang

Der jüngste Rückschlag kommt von Oura, dem Hersteller smarter Ringe, mit denen Nutzer unter anderem Schlaf und Gesundheitsdaten erfassen können. Das Unternehmen teilte am Dienstag mit, seinen Börsengang wegen der Unsicherheit am Markt für Neuemissionen zu verschieben.

Oura wollte laut The Wall Street Journal bis zu 2,2 Milliarden Dollar einsammeln. Angestrebt wurde dabei eine Bewertung von rund 15,6 Milliarden Dollar.

Gerade diese Bewertung erwies sich als Stolperstein. Potenzielle Investoren hielten den Preis Insidern zufolge für zu hoch. Hinzu kommen Zweifel an Ouras künftigen Wachstumsaussichten. Verbraucher stehen unter dem Druck höherer Preise und Zinsen und könnten daher zurückhaltender werden, wenn es um vergleichsweise teure Elektronikprodukte geht.

Oura ist kein Einzelfall. Das vom japanischen SoftBank-Konzern unterstützte Rechenzentrumsunternehmen SB Energy hat seinen Börsengang ebenfalls verschoben, nachdem Investoren kritisch auf die angestrebte Bewertung reagiert hatten.

Auch beim Cloud-Unternehmen NScale, das von Nvidia unterstützt wird, wächst die Unsicherheit. An der Wall Street war erwartet worden, dass das Unternehmen möglicherweise schon in der kommenden Woche mit Gesprächen zur Gewinnung von Investoren beginnen würde. Insidern zufolge könnte sich auch dieser Zeitplan noch ändern.

Der Kernreaktorhersteller Holtec zog seinen Antrag auf einen Börsengang Anfang des Monats sogar vollständig zurück. Das Unternehmen verwies dabei auf ungünstige Marktbedingungen.

Anleger werden vorsichtiger

Der abrupte Stimmungsumschwung ist bemerkenswert. Noch vor wenigen Monaten schien die Nachfrage nach neuen Aktien kaum Grenzen zu kennen.

SpaceX sammelte im Juni bei seinem Börsendebüt 86 Milliarden Dollar ein. Ende Juni lagen US-Unternehmen, die in diesem Jahr an die Börse gegangen waren, im Schnitt 24 Prozent über ihrem Ausgabepreis, wie Daten von Dealogic zeigen.

Diese Gewinne sind inzwischen nahezu vollständig abgeschmolzen. Am Dienstagmorgen lag die durchschnittliche Rendite der US-Unternehmen, die in diesem Jahr an die Börse gegangen sind, gegenüber dem Ausgabepreis bei weniger als einem Prozent.

Damit ist die Bereitschaft, hohe Bewertungen zu akzeptieren, deutlich gesunken.

Auch geopolitische Spannungen spielen eine Rolle. Schwankende Ölpreise und steigende Anleiherenditen machen Anleger bei riskanten Investments zurückhaltender. Fondsmanager gehen bei neuen Börsengängen deshalb selektiver vor.

Das trifft auch andere große Namen. Inspire Brands, der Mutterkonzern unter anderem von Dunkin’, hatte zunächst einen Börsengang Ende 2026 oder Anfang 2027 ins Auge gefasst. Ein Börsendebüt in diesem Jahr gilt inzwischen als unwahrscheinlich, sofern sich die Aktien vergleichbarer Restaurantunternehmen nicht deutlich erholen.

Alle Blicke richten sich auf Anthropic

Der wichtigste Börsengang, auf den Wall Street wartet, ist der des KI-Unternehmens Anthropic. Laut The Wall Street Journal prüft das Unternehmen inzwischen den November als möglichen Zeitpunkt für sein Börsendebüt. Zuvor war noch ein früherer Termin im Herbst im Gespräch gewesen.

Die geänderte Planung fällt in eine Phase, in der die Debatte über die Sicherheit künstlicher Intelligenz immer intensiver geführt wird. Vor allem die Risiken eigenständig agierender KI-Systeme beschäftigen Investoren und die Technologiebranche.

Konkurrent OpenAI hat seine eigenen Börsenpläne inzwischen auf mindestens das kommende Jahr verschoben. Dem Bericht zufolge will sich das Unternehmen mehr Zeit nehmen, während die Branche weiter an Sicherheitsfragen arbeitet. Parallel spricht OpenAI mit Investoren über eine neue private Finanzierungsrunde.

Das nimmt zugleich etwas Druck von Anthropic. Berater hatten zunächst einen wichtigen Vorteil darin gesehen, wenn Anthropic früher als OpenAI an die Börse gehen würde. Da OpenAI nun länger wartet, ist der Zeitdruck geringer geworden.

Dennoch könnte Anthropic weiterhin für ein historisches Jahr sorgen. Sollte das KI-Unternehmen tatsächlich 2026 an die Börse gehen, könnte das Gesamtvolumen, das US-Unternehmen in diesem Jahr über Börsengänge einsammeln, laut dem Bericht den Rekord aus dem Jahr 2021 übertreffen.

Die Vergangenheit zeigt zugleich, wie schnell sich die Stimmung drehen kann. 2021 erlebte der US-Markt für Börsengänge noch ein außergewöhnlich starkes Jahr. Danach folgte eine mehrjährige Durststrecke, die erst 2025 vorsichtig zu enden begann. Die verschobenen Börsengänge von Oura und anderen Unternehmen zeigen, wie fragil diese Erholung weiterhin ist.

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