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Stablecoins verbreiten sich rasant. Die digitalen Coins ermöglichen es, Dollar nahezu in Echtzeit weltweit zu überweisen – unabhängig von den Öffnungszeiten der Banken. Gerade diese Geschwindigkeit birgt jedoch neue Risiken.

Aufsichtsbehörden und Experten warnen, dass in einer Krise innerhalb kürzester Zeit Geld aus Banken oder sogar ganzen Volkswirtschaften abfließen kann.

Das Risiko liegt vor allem im Unterschied zum traditionellen Finanzsystem. Während sich eine klassische Kapitalflucht schrittweise entwickeln kann, können Stablecoins innerhalb weniger Stunden große Kapitalbewegungen auslösen.

Stablecoins können Finanzkrisen beschleunigen

Anthony Vassallo, Leiter des Kryptobereichs bei der Silicon Valley Bank, unterscheidet zwei Geschwindigkeiten, mit denen Stablecoins das Finanzsystem beeinflussen können.

Nach seiner Einschätzung vollziehen sich der Wechsel in andere Währungen, der Abfluss von Bankeinlagen und der schwindende Einfluss der Geldpolitik über Monate oder Jahre. Verliert dagegen ein Stablecoin seine Wertbindung, gerät ein Emittent in Schwierigkeiten oder kommt es zu einem Vorfall im Bankensektor, kann Kapital dank softwaregestützter Transaktionen innerhalb weniger Stunden verlagert werden.

Das erste Szenario entwickelt sich langsam. Privatpersonen und Unternehmen entscheiden sich zunehmend für digitale Dollar statt für ihre Landeswährung oder ein herkömmliches Bankkonto. Dadurch können Banken nach und nach Einlagen verlieren. Gleichzeitig wird es für Zentralbanken schwieriger, mit ihrer Geldpolitik Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen.

Das zweite Szenario kann sich dagegen sehr schnell entfalten. Probleme bei einem Stablecoin-Emittenten, einer Bank oder mit der Dollarbindung können dazu führen, dass innerhalb weniger Stunden große Geldbeträge verlagert werden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bereits vor diesem Risiko gewarnt. Viele Stablecoin-Emittenten halten einen Teil ihrer Reserven als Bankeinlagen. Wollen Nutzer ihre Stablecoins in großem Umfang gegen Dollar oder Euro eintauschen, müssen die Emittenten möglicherweise kurzfristig hohe Beträge abziehen.

Dabei zeigt sich ein wesentlicher Unterschied: Stablecoins werden rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche gehandelt. Banken sind dagegen noch weitgehend an traditionelle Systeme und Öffnungszeiten gebunden.

Wie sich das auswirken kann, zeigte sich im März 2023. USD Coin (USDC) verlor vorübergehend seine Dollarbindung, nachdem der Emittent Circle bekannt gegeben hatte, dass Reserven im Wert von 3,3 Milliarden Dollar bei der zusammengebrochenen Silicon Valley Bank lagen. Die Lage beruhigte sich erst, nachdem die US-Behörden die Bankeinlagen garantiert hatten.

Digitale Dollar gewinnen in Krisen an Bedeutung

Die Risiken betreffen nicht nur Banken. Stablecoins können es Menschen in Ländern mit einer schwachen Währung erheblich erleichtern, ihre Ersparnisse in Dollar umzutauschen.

Eine Untersuchung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zu 130 Volkswirtschaften zeigt, dass die Nutzung von Stablecoins und Fremdwährungen während Währungs-, Banken- und Schuldenkrisen zunimmt. Herkömmliche Kapitalverkehrskontrollen scheinen bei Stablecoins dabei weniger wirksam zu sein.

Das ist vor allem für Länder relevant, deren Währung rasch an Wert verliert. In Argentinien, Nigeria und der Türkei etwa ist die Nachfrage nach digitalen Dollar stark gestiegen.

Einem Bericht von Sphere und der Silicon Valley Bank zufolge entfielen in Argentinien 94 Prozent der mit Peso getätigten Kryptokäufe auf Stablecoins. In der Türkei wurden innerhalb eines Jahres türkische Lira im Gegenwert von rund 38 Milliarden Dollar in Stablecoins umgetauscht.

Für Arnold Lee, Chef von Sphere Labs, ist die wachsende Verbreitung von Stablecoins deshalb eng mit dem US-Dollar verbunden.

Im Kern gehe es bei der Nutzung von Stablecoins um den Dollar, so Lee.

Für Zentralbanken kann das zum Problem werden. Wechseln Haushalte und Unternehmen in großem Umfang zu digitalen Dollar, sinkt die Nachfrage nach der Landeswährung. Dadurch kann die Geldpolitik an Wirksamkeit verlieren.

Eine weitere Untersuchung der BIZ kam zu dem Ergebnis, dass eine hohe Nachfrage nach Dollar-Stablecoins lokale Währungen unter Druck setzen und die Kosten für die Beschaffung von Dollar an den Devisenmärkten erhöhen kann. Dieser Effekt kann sich verstärken, wenn Finanzintermediäre selbst unter Druck stehen.

Anfang 2025 zeigte sich, wie schnell eine solche Verlagerung erfolgen kann. Während eines diplomatischen Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und Kolumbien wichen Kolumbianer der Quelle zufolge auf digitale Dollar aus, während Banken und Kryptobörsen geschlossen waren.

Europa will Stablecoin-Risiken begrenzen

Europa versucht, einen Teil dieser Risiken mit der Verordnung über Märkte für Kryptowerte (MiCA) einzudämmen. Nach den europäischen Vorschriften müssen Stablecoin-Emittenten einen Teil ihrer Reserven bei Banken halten.

Für reguläre Stablecoins sind mindestens 30 Prozent der Reserven vorgeschrieben. Bei bestimmten großen Stablecoins kann der Anteil auf 60 Prozent steigen.

Doch gerade diese Vorgaben sind umstritten. Das Europäische System der Zentralbanken hat vorgeschlagen, sich weniger an festen Prozentsätzen und stärker am Liquiditätsbedarf eines Stablecoin-Emittenten zu orientieren.

Auch aus der Kryptobranche kommt Kritik. Tether-Chef Paolo Ardoino warnte 2024, dass die MiCA-Vorschriften aus seiner Sicht Risiken für Stablecoins bergen. Müssen Emittenten große Beträge bei Geschäftsbanken hinterlegen, entsteht dieser Argumentation zufolge eine neue Abhängigkeit vom traditionellen Bankensystem.

Die Geldströme können zudem in beide Richtungen verlaufen. Sparer können Geld von ihrem Bankkonto abziehen, um Stablecoins zu kaufen. Werden diese später in großem Umfang eingelöst, fließt das Geld über Banken an die Nutzer zurück. So können innerhalb kurzer Zeit hohe Beträge zwischen dem traditionellen Finanzsystem und dem Kryptomarkt verschoben werden.

Die wachsende Verbreitung von Stablecoins macht Banken allerdings nicht automatisch überflüssig. Laut Pankaj Bengani, Mitgründer von MELD, nutzen Unternehmen Stablecoins zunehmend als Alternative zu internationalen Zahlungssystemen wie SWIFT.

Fast die Hälfte des geschäftlichen Stablecoin-Volumens, das in Nordamerika in traditionelle Währungen umgetauscht wird, stammt ihm zufolge aus solchen Transaktionen. Unternehmen halten die Stablecoins meist nicht länger, sondern tauschen sie unmittelbar in herkömmliche Währungen um.

Zahlungen an Lieferanten machen etwa ein Drittel dieser Transaktionen aus. Auf die Begleichung von Rechnungen entfällt rund ein Viertel.

Stablecoins können damit vor allem die Intermediäre im internationalen Zahlungsverkehr unter Druck setzen. Banken bleiben zugleich unter anderem für Reserven, traditionelle Währungen, Verwahrung, die Einhaltung regulatorischer Vorgaben, Liquidität und lokale Zahlungen erforderlich.

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