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Der Börsengang von Anthropic rückt näher. Das KI-Unternehmen hinter dem Chatbot Claude hat gestern seinen Börsenprospekt veröffentlicht. Die Aktie könnte darüber entscheiden, ob die Wall Street der gesamten KI-Branche weiter vertraut. Der Prospekt enthält einige überraschende Zahlen – und eine bemerkenswerte Warnung.

Existenzielle Risiken für die Menschheit

Jedes Unternehmen, das an die Börse geht, muss Anleger über mögliche Risiken informieren. Anthropic geht dabei weiter als üblich: In seinem 335 Seiten langen Prospekt warnt das Unternehmen sogar vor dem Untergang der Menschheit.

Hinreichend fortschrittliche KI-Systeme könnten katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit bergen, schreibt das Unternehmen. Das gelte, wenn sie ohne angemessene Schutzvorkehrungen, Aufsicht und Sicherheitsmaßnahmen entwickelt, eingesetzt und gesteuert würden.

Das Unternehmen aus San Francisco hat bereits erlebt, welche Gefahren der Missbrauch seiner Technologie birgt. Vor weniger als einem Jahr gelang es einer Hackergruppe, Claude so zu manipulieren, dass sie damit in die Systeme von Technologieunternehmen, Banken, Chemieherstellern und Behörden eindringen konnte. Anthropic vermutet, dass die Gruppe von China unterstützt wurde.

Die Liste der Risiken umfasst fast 100 Seiten. Strengere Vorschriften könnten die Einführung neuer Modelle verzögern. Zugleich setzen chinesische Wettbewerber mit günstigeren Modellen die Preise unter Druck.

Anthropic strebt größten Börsengang aller Zeiten an

Anthropic hat noch keinen Ausgabepreis für seine Aktien genannt. Erwartet wird jedoch ein Börsenwert von bis zu knapp zwei Billionen Dollar. Das entspricht 2.000 Milliarden Dollar.

Vor gut einem Jahr wurde das Unternehmen noch mit 183 Milliarden Dollar bewertet, bei der jüngsten Finanzierungsrunde waren es 965 Milliarden Dollar. Dieser Bewertungssprung könnte den Weg zum größten Börsengang aller Zeiten ebnen.

Den bisherigen Rekord hält Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX, das bei einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar insgesamt 85 Milliarden Dollar einnahm.

Anthropic will bei seinem Börsengang dem Vernehmen nach bis zu 100 Milliarden Dollar einnehmen. Das entspricht rund fünf Prozent des erwarteten Börsenwerts. Der weitaus größte Teil der Aktien bleibt bei Gründern, Mitarbeitern und Investoren wie Google und Amazon.

Dem steht ein erheblicher Verlust gegenüber. In den ersten sechs Monaten 2026 verbuchte Anthropic einen Verlust von 80,7 Milliarden Dollar – etwa doppelt so viel wie die knapp 42 Milliarden Dollar im gesamten Jahr 2025.

Der Großteil entfällt auf bilanzielle Bewertungsverluste bei Investitionen. Ohne diese Posten hätte der Verlust rund 8,7 Milliarden Dollar betragen.

Der Umsatz lag mit 16,3 Milliarden Dollar mehr als dreizehnmal so hoch wie ein Jahr zuvor. Allerdings lässt das Wachstumstempo nach: Laut Bloomberg sank das Wachstum gegenüber dem Vorquartal vom zweiten zum dritten Quartal von rund 140 auf 45 Prozent.

Deshalb könnten Anleger bislang weder die zugrunde liegende Profitabilität von Anthropic verlässlich beurteilen noch abschätzen, ob die Mittelzuflüsse ausreichten, um das weitere Wachstum zu finanzieren, sagte Troy Hooper, Co-Leiter für Aktienkapitalmärkte bei Mergermarket, der BBC.

Mehr liquide Mittel als Meta und Google zusammen

Trotz der Verluste verfügt Anthropic über Finanzmittel von 131,6 Milliarden Dollar. Fast die gesamte Summe steht als Betriebskapital unmittelbar für das laufende Geschäft zur Verfügung.

Laut BBC ist das mehr, als Meta und Google zusammen an liquiden Mitteln halten. Diesen Puffer braucht Anthropic auch: Seit Ende 2025 ist das Unternehmen Verpflichtungen von rund 417 Milliarden Dollar für Rechenleistung und Rechenzentren eingegangen.

Die Verträge laufen bis zu 20 Jahre. Im zweiten Quartal erzielte das Unternehmen 11,6 Milliarden Dollar Umsatz. Bei gleichbleibendem Niveau entsprechen die Verpflichtungen damit mehr als neun Jahresumsätzen.

Konzernchef Dario Amodei räumte bereits ein, dass wenig Spielraum für Fehler bleibt. Schon eine Fehleinschätzung des Wachstumstempos um ein Jahr könne zur Insolvenz führen, sagte er Anfang des Jahres in einem Podcast. Dasselbe gelte, wenn sich das Geschäft jährlich nur verfünffache statt verzehnfache.

Wer die Aktie kauft, lässt sich nach Hoopers Einschätzung bewusst darauf ein: Anleger zahlten für eine künftige marktbeherrschende Stellung, nicht für die heutige Ertragslage.

Fünf Kunden liefern ein Viertel des Umsatzes

Die Zahl der Geschäftskunden des Claude-Entwicklers ist innerhalb eines Jahres von rund 1.500 auf fast 12.000 gestiegen. Dennoch hängt das Unternehmen stark von einer kleinen Kundengruppe ab.

So zahlten 250 Kunden im vergangenen Jahr jeweils mindestens zehn Millionen Dollar. Nur fünf Kunden stehen für ein Viertel des Umsatzes. Michael Monaghan, Portfoliomanager bei Founder ETF, sieht darin eine Schwachstelle. Viele der wichtigsten Anthropic-Kunden seien nicht durch langfristige Verträge gebunden, warnt er.

Hinzu kommt, dass im ersten Halbjahr 48 Prozent des Umsatzes über die Cloud-Marktplätze dreier Technologiekonzerne abgewickelt wurden. Google und Amazon sind dabei zugleich Investoren und Wettbewerber, da sie auch eigene KI-Modelle entwickeln.

KI soll „außergewöhnliche“ Vorteile bringen

Den zahlreichen Risiken stellt Anthropic ein weitreichendes Versprechen gegenüber. Das Unternehmen erwartet, dass KI die Entwicklung von Medikamenten erheblich beschleunigt. Auch bei individuell zugeschnittenen Bildungsangeboten und in der Rechtsberatung sieht es Chancen.

Anthropic ist laut Prospekt überzeugt, dass fortschrittliche KI letztlich das weltweite Wirtschaftswachstum beschleunigen wird. Der Finanzprofessor Aswath Damodaran von der New York University äußert sich nüchterner.

Auch Amodei wisse nicht, wie hoch der Umsatz in fünf Jahren sein werde. Die Verantwortlichen seien in dieser Frage genauso orientierungslos wie alle anderen, sagte Damodaran gegenüber Bloomberg.

Anleger können sich bald selbst ein Urteil bilden. Anthropic will unter dem Börsenkürzel ANT an die Nasdaq. Goldman Sachs und Morgan Stanley begleiten den Börsengang. Der erste Handelstag wird in der Woche vom 16. November erwartet.

Erreicht Anthropic beim Börsengang die erwartete Bewertung von rund 2.000 Milliarden Dollar, wäre das KI-Unternehmen auf Anhieb mehr wert als Warren Buffetts Berkshire Hathaway.

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