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Der S&P 500 vermittelt den Eindruck, als könnten der Iran-Krieg, hohe Ölpreise und steigende Zinsen dem US-Aktienmarkt wenig anhaben. Doch das Bild täuscht: Die meisten US-Aktien liegen in diesem Jahr deutlich im Minus. Vergangene Woche gerieten wegen neuer Sorgen um künstliche Intelligenz auch die Schwergewichte unter Druck. Dennoch sehen Analysten am Markt derzeit eine „historische Chance“.

Zehn Aktien stützen den S&P 500

Gut 84 Prozent der Aktien im S&P 500, dem Index der 500 größten US-Unternehmen, notieren mindestens 10 Prozent unter ihrem Rekordhoch. Das geht aus einer Analyse hervor, die der Börsenbrief The Kobeissi Letter vergangene Woche auf X veröffentlichte .

Bei 59 Prozent beträgt der Verlust sogar mehr als 20 Prozent. Damit haben sie die Schwelle zum Bärenmarkt überschritten, der für eine Phase anhaltender Kursverluste steht.

Dennoch liegt der Index nur rund 2 Prozent unter seinem Rekordhoch vom August. Da die Unternehmen nach ihrem Börsenwert gewichtet werden, haben große Technologiekonzerne einen deutlich stärkeren Einfluss als kleinere Unternehmen.

Die Entwicklung des S&P 500 seit Jahresbeginn.

Seit dem Tief vom 30. März hat der S&P 500 rund 23 Prozent zugelegt. Zehn Unternehmen, allen voran der Chiphersteller Nvidia (NVDA), steuerten dazu 16 Prozentpunkte bei. Damit entfallen 70 Prozent des Kursgewinns auf nur 2 Prozent der Unternehmen.

Dass diese Konzentration auch die Verluste verstärkt, zeigte sich vergangene Woche. Der S&P 500 verlor fast 2 Prozent, der Technologieindex Nasdaq sogar 4,5 Prozent. Hauptgrund war ein Ausverkauf bei Chipherstellern und anderen KI-Unternehmen.

Ein Index für Halbleiterunternehmen brach um mehr als 11 Prozent ein und verzeichnete damit die schwächste Woche seit April 2025. Hersteller von Gütern des täglichen Bedarfs legten dagegen um rund 5 Prozent zu. Ihr Gewicht reicht jedoch nicht aus, um den Index zu stützen.

Hohe Zinsen belasten nun auch KI-Unternehmen

Wegen des Iran-Kriegs liegt der Ölpreis schon seit Längerem über 100 Dollar je Barrel. Dadurch beträgt die Inflation in den USA fast 4 Prozent. Die US-Notenbank Fed erhöhte im September erstmals seit 2023 die Zinsen.

Die gestiegenen Inflationserwartungen trieben die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten. Das trifft vor allem Immobilienunternehmen und Versorger, die stark auf Fremdkapital angewiesen sind. Fast alle notieren mindestens 10 Prozent unter ihrem Höchststand.

Bei den großen KI-Unternehmen belasteten die höheren Zinsen die Gewinne lange deutlich weniger, weil diese so stark wuchsen. Doch inzwischen nehmen auch dort die Zweifel zu.

Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle galten jahrelang als hochprofitable Konzerne. Inzwischen investieren sie jedoch fast ihre gesamten Einnahmen in KI-Rechenzentren. Die Finanzierungslücke schließen sie mit Krediten. Schon jetzt haben sie in diesem Jahr mehr als doppelt so viel aufgenommen wie im gesamten Jahr 2025.

Besonders groß ist die Nervosität am Kreditmarkt. Dort verkaufen Anleger in großem Umfang Schuldtitel, mit denen der Bau von Rechenzentren finanziert wurde. Unter Druck steht vor allem CoreWeave. Der Anbieter von Rechenleistung hat Schulden von rund 50 Milliarden Dollar.

Die Anleihen des Unternehmens fielen vergangene Woche unter 80 Prozent ihres Nennwerts. Dadurch stieg ihre Rendite auf rund 16 Prozent – ein Niveau, das auf erhebliche finanzielle Schwierigkeiten hindeutet.

Auch die Kosten für Kreditausfallversicherungen stiegen sprunghaft. Damit sichern sich Anleger gegen Zahlungsausfälle eines Unternehmens ab. Bei CoreWeave und Oracle erreichten die Absicherungskosten einen Rekordstand. Auch bei SoftBank, einem Großinvestor von OpenAI, legten sie zu.

Das Marktforschungsunternehmen Gartner verstärkte die Unruhe mit einem neuen Bericht. Demnach werden die Umsätze mit KI-Diensten bis 2030 um mehr als die Hälfte unter dem Niveau bleiben, das Betreiber von Rechenzentren benötigen, um ihre Investitionen zu amortisieren.

Das schürt die Angst vor einer KI-Blase. Die Technologieriesen können die Lücke laut Gartner mit ihren übrigen Einnahmen ausgleichen. Kleineren Anbietern von Rechenleistung wie CoreWeave fehlt dieser Puffer jedoch. Mehr als 80 Prozent von ihnen dürften 2030 nicht mehr als eigenständige Unternehmen bestehen.

Flucht in Anleihen entlastet den Aktienmarkt

Die Sorgen um KI hatten allerdings einen bemerkenswerten Nebeneffekt. Anleger flüchteten vergangene Woche in US-Staatsanleihen. Dadurch verzeichnete die Rendite zehnjähriger Papiere den stärksten Wochenrückgang seit mehr als einem Jahr.

US-Zehnjahresrendite fällt deutlich – Tech-Aktien unter Druck
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fällt deutlich, während Tech-Aktien unter Druck geraten. – Quelle: TradingView

Und das, obwohl die Inflation höher ausfiel als erwartet. Nach Einschätzung des Ökonomen Ed Yardeni von Yardeni Research richtet der Anleihemarkt seinen Blick vor allem auf den KI-Sektor, der zu einem wichtigen Wachstumsmotor der US-Wirtschaft geworden ist.

Steigen die Finanzierungskosten, investieren KI-Unternehmen weniger, und die Wirtschaft wächst langsamer. Ein schwächeres Wachstum verringert auf längere Sicht den Preisdruck, wodurch die Zinsen wieder sinken können.

Das verschaffte den übrigen Unternehmen im S&P 500 etwas Entlastung. Nach Einschätzung von The Kobeissi Letter ist das erst der Anfang. Die Analysten sehen innerhalb des übergeordneten Bullenmarkts einen Bärenmarkt im S&P 500. Als größtes Hemmnis für die Börse betrachten sie den Krieg mit Iran.

Bei einem Ende des Konflikts erwarten sie eine Kettenreaktion: Sinkende Energiepreise würden die Inflation dämpfen. Die Fed könnte daraufhin ihre Zinserhöhungen beenden, und die Rally würde auch die Hunderte bislang zurückgebliebenen Aktien erfassen.

Auch bei den Technologieriesen sieht Kobeissi für diesen Fall noch Kurspotenzial. Ihre Gewinne wachsen schneller als ihre Aktienkurse, wodurch sie trotz der Rally relativ günstig geworden sind. Ohne den Krieg könnte der Index nach Einschätzung der Analysten bei mehr als 9.000 Punkten stehen – gut 17 Prozent über dem aktuellen Niveau.

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