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Christine Lagarde gibt ihr Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) früher als geplant ab. Sie informierte ihre Kollegen heute Morgen – ausgerechnet am Tag eines Zinsentscheids.

Damit beginnt das politische Ringen um ihre Nachfolge, während die Inflation in Europa wieder anzieht. Völlig überraschend kommt ihr Abschied allerdings nicht.

Lagarde geht neun Monate früher

Die EZB teilte mit, dass Lagarde ihr Amt am 7. Februar 2027 niederlegt. Ihre achtjährige Amtszeit würde regulär erst Ende Oktober 2027 enden. Ihre Kollegen verabschiedeten sie mit lang anhaltendem Applaus im Stehen.

In einer Videobotschaft zog sie eine positive Bilanz. Sie gehe mit dem Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben und eine zukunftsfähige EZB zu hinterlassen, erklärte Lagarde. Sie hatte im November 2019 die Nachfolge von Mario Draghi angetreten.

Damit bleibt sie rund 87 der vorgesehenen 96 Monate im Amt. Nach dem Niederländer Wim Duisenberg ist sie erst die zweite EZB-Präsidentin, die vorzeitig ausscheidet.

Ihr Abschied hatte sich bereits angedeutet. Seit 2025 kursieren Gerüchte, Lagarde wolle die Leitung des Weltwirtschaftsforums (WEF) übernehmen, das den Gipfel in Davos ausrichtet. Nach Angaben der Financial Times führt sie inzwischen tatsächlich Gespräche darüber.

Auch die französische Politik spielt eine Rolle. Im Frühjahr wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Umfragen zufolge könnte die rechtsextreme Marine Le Pen die erste Runde gewinnen. Durch Lagardes vorzeitigen Abschied kann Präsident Emmanuel Macron bei der Nachfolge noch mitentscheiden.

Das ist heikel, denn eine Zentralbank muss politisch unabhängig sein. Laut Bloomberg könnte Lagarde zudem vorgeworfen werden, ein Versprechen zu brechen: Sie hatte zuvor erklärt, nicht gehen zu wollen, solange sich Risiken abzeichneten.

Fehlstart und Kampf gegen die Inflation

Ihre Amtszeit in Frankfurt begann mit einem Fehltritt. Mitten im Corona-Crash im März 2020 erklärte Lagarde, es sei nicht Aufgabe der EZB, die Renditeabstände zu verringern. Dafür gebe es andere Instrumente und andere zuständige Stellen.

Gemeint waren die Renditeunterschiede zwischen Staatsanleihen, etwa aus Italien und Deutschland. Anleger verstanden ihre Aussage als Signal, dass die EZB Italien nicht mehr unterstützen werde. Daraufhin weitete sich der Renditeabstand um fast 0,67 Prozentpunkte aus – ein Rekord für einen einzelnen Tag.

Die größte Bewährungsprobe folgte 2022. Die Inflation im Euroraum erreichte im Oktober mit 10,6 Prozent ihren Höchststand. Dabei hatte die EZB erst im Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen angehoben. Die US-Notenbank hatte die Zinswende bereits Monate zuvor eingeleitet.

Danach straffte die EZB ihre Geldpolitik allerdings rasch. Der Einlagenzins, den Banken für ihre Guthaben bei der EZB erhalten, stieg von minus 0,5 auf 4 Prozent.

Hinzu kam das Transmission Protection Instrument (TPI) als Kriseninstrument. Es ermöglicht der EZB, Staatsanleihen zu kaufen, wenn die Renditen in einem Land ohne sachliche Rechtfertigung stark steigen.

Dieses Instrument rückt nun wieder in den Fokus – ausgerechnet wegen Lagardes Heimatland. Der Renditeabstand zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen erreichte zuletzt den höchsten Stand seit 2011. Das schürte Spekulationen über ein Eingreifen der EZB.

Aktuell beträgt der Renditeabstand 1,54 Prozentpunkte. Damit prägt das Thema auch das Ende ihrer Amtszeit.

Wer folgt auf Lagarde?

Als aussichtsreichste Kandidaten gelten der Niederländer Klaas Knot, ehemaliger Präsident der niederländischen Zentralbank (DNB), und der Spanier Pablo Hernández de Cos, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Von Bloomberg befragte Ökonomen sehen Hernández de Cos als Favoriten. Die europäischen Staats- und Regierungschefs wollen die Entscheidung im November und Dezember treffen.

Die Personalentscheidung wird kompliziert, denn auch Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel und Chefvolkswirt Philip Lane scheiden im kommenden Jahr aus. Damit wird die Hälfte des sechsköpfigen EZB-Direktoriums neu besetzt.

Auf Lagardes Nachfolger wartet eine schwierige Aufgabe. Wegen des Krieges im Iran stieg die Inflation im September auf 3,8 Prozent. Die EZB hat die Zinsen in diesem Jahr bereits zweimal auf nun 2,5 Prozent angehoben.

Heute Nachmittag um 14:15 Uhr steht der nächste Zinsentscheid an. Anleger rechnen mit unveränderten Zinsen. Eine deutliche Mehrheit der Ökonomen erwartet jedoch für Dezember eine weitere Anhebung.

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