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Die KI-Blase an der Wall Street dürfte in einer Korrektur enden – und Europa wird den Rückschlag zu spüren bekommen. Das schreiben fünf Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem gestern veröffentlichten Blogbeitrag.
Brisant ist ihre Argumentation vor allem deshalb, weil die Korrektur aus ihrer Sicht selbst dann kommen kann, wenn die extrem hohen Bewertungen vollständig begründet sind.
Die fünf Autoren schreiben in eigener Verantwortung und nicht im Namen der EZB. Sie vergleichen den KI-Boom mit dem Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts und der Dotcom-Ära um das Jahr 2000.
Nach ihrer Einschätzung deutet die wirtschaftshistorische Forschung zu früheren technologischen Umbrüchen auf eine beunruhigende Schlussfolgerung hin: Eine Korrektur der aktuellen Aktienmarktbewertungen sei wahrscheinlich.
Immer wieder zog eine neue Technologie Kapital an, die Kurse stiegen rasant, anschließend folgte ein harter Einbruch. Dafür nennen die Ökonomen zwei Erklärungen.
Die erste ist die nüchterne Variante. Wer heute kauft, geht vor allem eine Wette ein – und gerade die Unsicherheit über den Ausgang hat einen Preis.
Liegt die Wette falsch, ist der Einsatz verloren. Geht sie auf, ist der Gewinn nach oben kaum begrenzt. Diese Aussicht treibt die Kurse schon jetzt.
Ein Beispiel ist der Chiphersteller Nvidia. Anleger setzten 2022 darauf, dass das Unternehmen zum neuen Google werden könnte. Seitdem hat sich die Aktie verzwanzigfacht.
Nvidia erreichte Anfang dieses Jahres zeitweise einen Börsenwert von 5 Billionen Dollar und ist inzwischen ungefähr so viel wert wie die Google-Mutter Alphabet.
Setzt sich KI tatsächlich durch, verschwindet die Unsicherheit nicht. Sie verlagert sich von einem einzelnen Unternehmen auf die gesamte Wirtschaft.
Gerät ein Chiphersteller in Schwierigkeiten, können Banken und Handelskonzerne den Rückschlag auffangen. Läuft künftig jedoch alles über KI, gerät bei einer Enttäuschung der gesamte Aktienmarkt gleichzeitig unter Druck.
Ein solches Risiko kann ein Anleger nicht mehr streuen. Er verlangt dafür eine höhere Rendite – und die erhält er nur auf eine Weise: indem er für dieselbe Aktie weniger bezahlt.
So kann eine Aktie fallen, obwohl die Gewinne weiter steigen.
Wenn bei dieser Technologie etwas schiefgehe, leide die gesamte Wirtschaft, schreiben die Ökonomen, darunter die EZB-Forscherin Malin Andersson.
Die zweite Erklärung ist deutlich einfacher: Anleger sind zu euphorisch und zahlen mehr, als die Zahlen rechtfertigen.
Wenn überzogenes Vertrauen schwinde, könnten die Preise noch stärker fallen als im rationalen Szenario, schreiben die fünf. Welche der beiden Erklärungen zutrifft, ändert am Ergebnis wenig.
Haushalte im Euroraum halten rund 440 Milliarden Euro in US-Technologieaktien – häufig, ohne es zu wissen.
Das liegt an den Indexfonds, in die ihre Einlagen fließen. Ein solcher Fonds kauft den gesamten Weltindex. Darin haben die Magnificent Seven ein so hohes Gewicht, dass eine breit gestreute Anlage in der Praxis stark von sieben US-Technologiekonzernen abhängt.
Auch Versicherer und Pensionsfonds sind dort stark engagiert. Damit hängt europäisches Sparvermögen an denselben sieben Kursen.
Gibt die Wall Street nach, ziehen Anleger Geld aus ihren Fonds ab. Die Fonds müssen Auszahlungen leisten und verkaufen dafür Positionen, was die Kurse weiter belastet und die nächste Abflusswelle auslösen kann.
Zunächst werden leicht handelbare Vermögenswerte verkauft. Hält der Rückgang an, folgt der Rest.
Deshalb sei eine Korrektur der Magnificent Seven für den Euroraum eine Frage der Finanzstabilität und nicht nur eine private Angelegenheit, schreiben die Ökonomen.
Hinzu kommt der Zeitpunkt, der die Lage besonders heikel macht. Anders als während des Dotcom-Crashs gebe es heute „deutlich weniger Spielraum, die Zinsen zu senken oder die Fiskalpolitik zu nutzen, um den Schock abzufedern“.
Europäische Börsen sind selbst weniger hoch bewertet und stärker von traditionellen Industrien geprägt. Doch beide Märkte bewegen sich seit Jahrzehnten weitgehend im Gleichlauf. Ein Einbruch in New York käme daher auch in Europa an.
Die Nachwirkungen eines US-amerikanischen KI-Booms blieben nicht auf die USA beschränkt, schreiben die fünf. Betroffen wären dann nicht nur die Kurse, sondern auch das Vertrauen, die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen und die Einstellungsbereitschaft.
Solche Wendepunkte lassen sich den Autoren zufolge erst im Nachhinein erkennen. „Falls KI tiefgreifend genug ist, könnten die Bewertungen auch nach einer Korrektur künftig deutlich höher liegen.“
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