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Europäische Aktien erhalten Rückenwind: Die Gewinne europäischer Unternehmen wachsen in dieser Berichtssaison erstmals seit mehr als drei Jahren fast so stark wie die ihrer US-Konkurrenten. Die Aufholjagd fällt in eine Phase, in der Zweifel an künstlicher Intelligenz (KI) gestern erneut die Wall Street belasteten. Neue Rekordstände bleiben an Europas Börsen dennoch aus.

Europas Gewinnwachstum fast auf US-Niveau

Analysten erwarten, dass die Unternehmen im MSCI Europe, einem Index für große europäische Konzerne, ihre Gewinne im dritten Quartal um 23 Prozent steigern.

Für die Unternehmen im US-Leitindex S&P 500 liegt die Prognose bei 24 Prozent, wie Daten von Bloomberg Intelligence zeigen. Zuletzt wuchsen die Gewinne in Europa im ersten Quartal 2023 stärker als in den USA.

Die ersten Quartalsberichte bestätigen diesen Trend. Die Aktie des niederländischen Chipausrüsters ASM International legte am Mittwoch nach einem optimistischen Umsatzausblick um rund 4 Prozent zu. Deutsche Bank gewann dank besser als erwartet ausgefallener Zahlen etwa ebenso viel.

Hohe KI-Ausgaben belasten Technologieaktien

An der Wall Street zeichnet sich ein klares Muster ab. Technologiekonzerne investieren Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren und Chips. Erträge dürften diese Investitionen jedoch erst in einigen Jahren abwerfen.

Anleger zweifeln deshalb weniger an der KI selbst als vielmehr daran, welche Unternehmen sich diese Ausgaben leisten können.

Immer häufiger reichen die eigenen Mittel dafür nicht aus. Die Google-Mutter Alphabet gab im vergangenen Quartal gut 9 Milliarden Dollar mehr aus, als sie einnahm.

Die Aktie verlor gestern Abend rund 10 Prozent. Meta beschaffte sich nach einem negativen Cashflow sogar rund 37,5 Milliarden Dollar durch die Ausgabe neuer Aktien.

Wem das Geld fehlt, der muss Kredite aufnehmen. Doch auch die werden teurer. Der Zinsaufschlag, den Unternehmen gegenüber sicheren Staatsanleihen zahlen müssen, stieg vergangene Woche auf den höchsten Stand seit 17 Monaten.

Diese Kombination belastet die Kurse erheblich. Meta notiert gut 20 Prozent unter seinem Höchststand, Alphabet 28 Prozent und Intel 35 Prozent.

Bei CoreWeave, das Rechenleistung an KI-Unternehmen vermietet und stark auf Fremdkapital setzt, beträgt der Kursverlust sogar 57 Prozent.

Anleger bevorzugen deshalb Unternehmen, die ihr Wachstum aus eigenen Mitteln finanzieren können. Microsoft gelingt das bislang: Nach starken Zahlen des Cloudgeschäfts Azure legte die Aktie um rund 4 Prozent zu.

Heute Abend gegen 21 Uhr deutscher Zeit muss Amazon zeigen, ob auch der Konzern seine Investitionen aus eigener Kraft finanzieren kann.

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Was macht europäische Aktien derzeit attraktiv?

Europäische Aktien sind weniger abhängig von Technologiekonzernen und günstiger bewertet als US-Titel. Der Technologiesektor hat im Stoxx Europe 600 (Stoxx 600) ein Gewicht von rund 9 Prozent, im S&P 500 sind es 38 Prozent. Der Stoxx 600 wird derzeit mit etwa dem 14-Fachen der erwarteten Gewinne bewertet. Im Februar lag dieser Wert noch bei 16.

Seit Juni wird der europäische Index mit einem Bewertungsabschlag von rund 25 Prozent gegenüber dem S&P 500 gehandelt. In den USA zahlen Anleger damit etwa 19 Dollar je Dollar erwarteten Gewinns.

Violeta Todorova, leitende Research-Analystin bei Leverage Shares, sieht eine Verschiebung zugunsten Europas. Im Vergleich zu anderen Märkten werde Europa als Anlageziel attraktiver, sagt sie.

Auch die Analysten werden zuversichtlicher. Laut einem Index der Citigroup haben sie ihre Gewinnprognosen für Europa in den vergangenen sechs Monaten häufiger angehoben als gesenkt. Das ist die längste Serie seit 2022. Die Erwartungen für US-Unternehmen werden in den letzten Wochen dagegen nach unten korrigiert.

Dennoch bleiben Belastungsfaktoren. Höhere Ölpreise und geopolitische Spannungen drücken auf die Stimmung und verhindern, dass der Stoxx 600 seinen Rekord von Mitte August übertrifft. Vor allem Aktien aus dem Konsumsektor leiden unter der schwächeren Nachfrage. Zu den Verlierern zählen Unilever, Volkswagen, Kering und Hermès.

Rob Powell, Leiter der Aktienstrategie für Europa, den Nahen Osten und Afrika bei BlackRock, rechnet im Umfeld der US-Zwischenwahlen in der kommenden Woche mit Kursschwankungen. Längerfristig bleibt er zuversichtlich.

Die positive Gewinnentwicklung bestärke ihn in der Einschätzung, dass Europa langfristig im internationalen Vergleich gut aufgestellt sein könnte.

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